Auf dem afrikanischen Kontinent ist mit dem Jahreswechsel die größte Freihandelszone der Welt gestartet. Das Abkommen eröffnet viele Möglichkeiten – auch für deutsche Unternehmen.

Als Volkswagen Südafrika im Sommer 2020 ein Montagewerk im westafrikanischen Ghana eröffnete, setzte das Unternehmen ein eindeutiges Zeichen: Der deutsche Autobauer glaubt an die Chancen auf den afrikanischen Märkten. Volkswagen steuert sein Geschäft auf dem Kontinent wie so viele von Südafrika aus. "Wir agieren aber zunehmend wie ein Unternehmen der gesamten Subsahara-Region", sagt Michael Petrie, Manager Corporate Strategy von Volkswagen Südafrika. Chancen, sich länderübergreifend aufzustellen, sieht Petrie dank der panafrikanischen Freihandelszone (African Continental Free Trade Area, AfCFTA). 

Innerkontinentaler Außenhandel nach Weltregionen

Innerkontinentaler Außenhandel nach Weltregionen

Der Startschuss für das Abkommen hatte sich wegen Corona um Monate verzögert und fiel auf den Jahreswechsel zu 2021. Zuvor hatten 54 Staaten der Afrikanischen Union (AU) das Abkommen unterzeichnet; Ausnahme ist lediglich Eritrea. Sie verpflichten sich, Handelshemmnisse abzubauen, um mehr Waren auszutauschen und neue Wertschöpfungsketten zu begründen. Gelingt ihnen die wirtschaftliche Integration, entsteht ein Binnenmarkt nach europäischem Vorbild mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern. "Das Wachstumspotenzial des Bruttoinlandsprodukts ist enorm. Die Prognosen liegen in einigen Ländern zwischen fünf und zehn Prozent", sagt Petrie.

Volkswagen stellt sich auf dem Kontinent entsprechend auf und ist neben Südafrika und Ghana auch in Kenia sowie Ruanda mit Werken vertreten. "Unsere jüngste Eröffnung in Ghana ist ein gutes Beispiel für die Hoffnungen, die wir an das Freihandelsabkommen knüpfen", sagt Petrie. Das Land hat den eigenen Automobilsektor reformiert und pflegt enge Beziehungen zu den Nachbarländern, auf die Volkswagen Südafrika seinen Absatz ausweiten will.


Zollabbau als Investitionsanreiz

Petries Erwartungen bestätigt die Studie "Die afrikanische Freihandelszone" von Germany Trade & Invest (GTAI). Demnach wollen die afrikanischen Länder bis zum Jahr 2040 den Anteil ihres Außenhandels untereinander um ein Fünftel steigern. Spitzenreiter bei den Hochrechnungen ist die Kfz-Branche, die vom Exportplus am meisten profitieren dürfte. Experten erwarten, dass Autobauer nicht nur mehr Fahrzeuge auf dem Kontinent absetzen werden, sondern auch ihre Produktion aufstocken. Das eröffnet zahlreichen Zulieferern neue Absatzaussichten.

Bisher ist grenzüberschreitender Handel auf dem Kontinent nicht die Regel. Die Länder sind stark von Rohstoff- und Agrarexporten außerhalb des Kontinents abhängig. Umgekehrt importieren sie Investitionsgüter und Lebensmittelerzeugnisse überwiegend von Drittstaaten. So bleibt der innerafrikanische Handel fragmentiert und hinter seinen Möglichkeiten zurück. Mit der AfCFTA soll sich das ändern.

Das Abkommen vereinfacht vor allem die zollrechtlichen Bestimmungen, viele Zölle fallen künftig weg. Noch sind die Abgaben beim Warenaustausch zwischen afrikanischen Ländern häufig höher als bei Importen von außerhalb des Kontinents. Doch bis zum Jahr 2026 sollen die innerafrikanischen Zölle auf 90 Prozent der Handelswaren wegfallen. Nicht-afrikanische Unternehmen können von den Begünstigungen profitieren, wenn sie auf dem Kontinent produzieren. So ist das Abkommen ein Anreiz, Afrika nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als Produktionsstandort zu erschließen.

Deutsche Unternehmen mit Luft nach oben

Das deutsche Engagement vor Ort ist sowohl beim Export als auch bei den Investitionen ausbaufähig, bemerkt GTAI in der Studie. Gerade einmal 1,9 Prozent des Außenhandels wickelte Deutschland im Jahr 2019 mit Afrika ab. Nicht einmal ein Prozent der gesamten deutschen Auslandsinvestitionen sind in afrikanische Länder geflossen. Die Freihandelszone sei ein großer Anreiz, das zu ändern, sagen Experten. 

Gleichzeitig warten zahlreiche Herausforderungen auf dem Kontinent. Viel politischer Wille ist nötig, um nicht nur Zölle abzubauen, sondern um auch Themen wie nichttarifäre Handelshemmnisse anzugehen, die Steuer- und Wettbewerbspolitik, Lebensmittelsicherheit und Rechte an geistigem Eigentum. Eine weitere Hürde ist die marode Infrastruktur. "Die Logistikkosten sind ein großes Thema in Afrika", bestätigt Petrie. "Deswegen verteilen wir unsere Standorte in einem strategischen Netzwerk auf dem Kontinent." Neben dem Hauptsitz in Südafrika betreibt VW zudem Standorte in Ghana, Ruanda und Kenia. Ziel sind dabei nicht nur die nationalen Märkte; VW denkt vielmehr die Nachbarstaaten mit und vergrößert seine Reichweite regionalspezifisch.

Eine ähnliche Wachstumsstrategie fährt die Bosch-Gruppe, und baut ihre Präsenz über den Kontinent verteilt auf. "Derzeit haben wir rund 2.000 Mitarbeiter in 13 afrikanischen Ländern und damit etwa viermal so viel wie noch 2014", sagt Markus Thill, der für die Geschäfte der Bosch-Gruppe in Afrika verantwortlich ist. Er erklärt, wie sich ein vergleichsweise teurer deutscher Anbieter wie Bosch in Afrika behauptet: "Einmal durch angepasste Produkte, die nach den Anforderungen eines Entwicklungs- oder Schwellenlandes designt und in einem kostengünstigen Werk produziert werden – das hilft an der Preisfront." Zudem punkte man mit guten Services. 


Geschichte der panafrikanischen Freihandelszone

Geschichte der panafrikanischen Freihandelszone


Von lokalen Partnern in Afrika lernen

Kooperationen sind ein Schlüssel zum Erfolg – das gilt für wirtschaftliche Zusammenarbeit grundsätzlich und ganz besonders auf dem afrikanischen Kontinent. Neben direkten Partnerschaften schließen sich Unternehmen daher in Branchenverbänden zusammen. Ein prominentes Beispiel in Afrika liefern die Autobauer und -zulieferer mit dem Verband African Association of Automotive Manufacturers (AAAM). Gegründet wurde er bereits 2015 und setzt sich seit dem Freihandelsabkommen verstärkt für den Abbau von Handelshemmnissen ein. Volkswagen Südafrika und die Bosch-Gruppe gehören zu den Mitgliedern.

Durch Kooperationen profitieren wir von den Fähigkeiten und Kenntnissen vor Ort", sagt Petrie. "Aus der Außenperspektive erscheinen die afrikanischen Märkte vielen als ein Risikogeschäft, doch vor Ort bekommen sie ein Gespür für die Chancen.

In der Tat ist die Stimmung unter den deutschen Unternehmen in Afrika überdurchschnittlich gut, bestätigte eine Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammern im November 2019. Das Ergebnis reflektierte auch die hohen Erwartungen an die Freihandelszone. 

Die Corona-Krise hat den Zeitplan für die Umsetzung des Abkommens zwar verschoben, aber es nicht in Frage gestellt – ganz im Gegenteil. Die Covid-19-Pandemie hat die Warenströme aus anderen Teilen der Welt nach Afrika unterbrochen und den Handel zwischen afrikanischen Nachbarstaaten in den Fokus gerückt. Die Erfahrung ebnet den Weg, um afrikanische Wirtschaftsressourcen zum Vorteil des gesamten Kontinents zu nutzen.

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