IPD
Sourcing Mission bei der IPD Company Greatlys farm in Ägypten
Entwicklungs- und Schwellenländer sind wichtige Beschaffungsmärkte im internationalen Handel. Afrika ist dafür ein gutes Beispiel. Der Kontinent gewinnt für die deutsche und europäische Wirtschaft an Bedeutung. Wer beide Perspektiven berücksichtigt – sowohl die eigene Situation als Importeur als auch die Perspektive des ausländischen Lieferanten – , kann das gesamte Potenzial der globalen Handelsbeziehungen nutzen. Dazu gehören hochwertige und marktgerechte Produkte & Services, gute Konditionen, langfristige Geschäftsbeziehungen und sichere Lieferketten – in unruhigen Zeiten nicht zu unterschätzen.
Über das Zusammenspiel von Außenwirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit und dessen Vorteile sprechen Dr. Julia Bellinghausen, Leiterin des Import Promotion Desk (IPD), und Marcus Schwenke, Abteilungsleiter Außenhandelspolitik, Importförderung, Entwicklungszusammenarbeit und Projekte beim Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA).
Herr Schwenke, welche Bedeutung hat die Importwirtschaft für deutsche Unternehmen?
Deutschland ist wie kaum ein anderes Land auf einen offenen und verlässlichen Außenhandel angewiesen. Dabei wird die Bedeutung der Importwirtschaft häufig unterschätzt. Importe sichern die Versorgung der Bevölkerung, ermöglichen industrielle Produktion und sind eine wesentliche Voraussetzung für die ökologische und technologische Transformation unserer Wirtschaft.
Wie eng die deutsche Produktion mit internationalen Lieferketten verbunden ist, zeigen die OECD-Zahlen zur Wertschöpfung im Außenhandel. Danach stammen 25,9 Prozent des Wertes deutscher Exporte aus ausländischer Wertschöpfung. Gut jeder vierte Export-Euro beruht somit auf zuvor importierten Vorleistungen, Komponenten oder Dienstleistungen.
Frau Bellinghausen, welche Bedeutung hat der Außenhandel für Entwicklungs- und Schwellenländer?
Für viele Produzenten und Dienstleister in Entwicklungs- und Schwellenländern bietet der Außenhandel große Chancen. Die Integration in den globalen Handel schafft zusätzliche spannende Absatzmärkte, Einnahmen und somit Möglichkeiten für Investitionen in das Unternehmen und in die Region. Auch die Diversifizierung von Käufern und Märkten ist für Exporteure relevant, um weniger abhängig von einzelnen Märkten und Händlern zu sein.
Zudem versucht das IPD als Projekt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung möglichst viel Wertschöpfung in den Ländern zu lassen. Dadurch entstehen neue Arbeitsplätze und zusätzliche Einkommen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Unternehmen aktuell?
Marcus Schwenke: Die Rahmenbedingungen des Außenhandels haben sich grundlegend verändert. Die Unternehmen mussten innerhalb weniger Jahre eine Pandemie, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, Störungen wichtiger Schifffahrtsrouten sowie stark schwankende Energie- und Transportkosten bewältigen. Zölle werden wieder verstärkt als politisches Druckmittel eingesetzt. Hinzu kommen Exportkontrollen, Sanktionen, lokale Wertschöpfungsvorgaben und immer komplexere Nachhaltigkeits- und Nachweispflichten.
Die entscheidende Veränderung ist deshalb: Unternehmen organisieren ihre Lieferketten nicht mehr ausschließlich nach dem günstigsten Preis. Versorgungssicherheit, politische Stabilität, Transparenz und die Verfügbarkeit alternativer Bezugsquellen sind mindestens ebenso wichtig geworden.
Diversifizierung ist heute eine betriebswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Notwendigkeit. Unternehmen müssen neue Lieferanten und Beschaffungsmärkte erschließen, ohne bei Qualität, Verlässlichkeit oder Nachhaltigkeit Abstriche zu machen. Das ist der Hintergrund für die Entwicklung des Import Promotion Desk, an dessen Konzeption und Aufbau ich aufseiten des BGA mitwirken durfte.
Welche Bedeutung hat der Kontinent Afrika als Beschaffungsmarkt?
Marcus Schwenke: Die wirtschaftliche Bedeutung von Afrika wächst. Allerdings ist der Anteil gemessen am gesamten deutschen Außenhandel weiterhin vergleichsweise gering. Es gibt also bereits enge und erfolgreiche Handelsbeziehungen, aber zugleich noch erhebliches ungenutztes Potenzial.
Dabei dürfen wir Afrika nicht als einen einheitlichen Markt betrachten. Die wirtschaftlichen Strukturen, Infrastrukturen und rechtlichen Rahmenbedingungen der afrikanischen IPD-Partnerländer unterscheiden sich erheblich:
Südafrika ist aufgrund seiner industriellen Basis, seiner Infrastruktur und seiner Funktion als regionaler Knotenpunkt besonders bedeutend. Marokko und Tunesien sind durch ihre geografische Nähe, bestehende Handelsbeziehungen und ihre Einbindung in europäische Wertschöpfungsketten interessant. Ägypten verfügt über einen großen Binnenmarkt und hat durch den Suezkanal eine strategisch wichtige Lage. Kenia ist ein wirtschaftliches Zentrum Ostafrikas und unter anderem bei Agrarprodukten, Dienstleistungen und digitalen Geschäftsmodellen interessant. Ghana und Côte d’Ivoire besitzen großes Potenzial bei der Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Äthiopien und Tansania bieten langfristige Chancen aufgrund ihrer Bevölkerungsentwicklung und ihrer wachsenden Märkte.
Für deutsche Unternehmen sind aber nicht allein die Marktgröße oder verfügbare Rohstoffe entscheidend. Wichtig sind verlässliche Partnerunternehmen, geeignete Logistik, stabile rechtliche Rahmenbedingungen sowie die Fähigkeit, europäische Qualitäts-, Produkt- und Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen. In vielen Ländern sind gute Produkte und engagierte Unternehmen vorhanden. Häufig fehlt jedoch noch die Verbindung zum europäischen Markt. Genau diese Lücke schließt das IPD.
Wie sieht das Engagement der IPD konkret in Afrika aus?
Dr. Julia Bellinghausen: Das IPD ist insgesamt in elf afrikanischen Ländern und dort in allen sechs IPD-Sektoren aktiv. Afrikanische Partnerländer sind interessante Beschaffungsmärkte zum Beispiel für viele exotische Früchte: Mangos aus Senegal, Ananas aus Ghana, Granatäpfel aus Ägypten. Aufgrund der zeitlich versetzten Saisons können sie die Importe aus Lateinamerika oft gut ergänzen.
Im Bereich Natürliche Zutaten bieten die Unternehmen im IPD-Programm ein ebenfalls vielfältiges Angebot an. Verarbeitetes Obst und Gemüse aus Südafrika, Nüsse aus Tansania, Kakao aus Côte d’Ivoire, Kaffee aus Äthiopien, Gewürze aus Kenia sind nur einige Beispiele.
Mit Unternehmen aus Kenia und Südafrika arbeitet das IPD nicht nur in den Sektoren Frisches Obst & Gemüse und Natürliche Zutaten zusammen. Beide Länder sind auch für ihre Schnittblumen bekannt – vor allem für Rosen und Summer Flowers sowie Proteas. In Südafrika betreibt das IPD zudem Sourcing für den Sektor Nachhaltigen Fisch & Meeresfrüchte.
Das IPD ist auch im Dienstleistungsbereich aktiv: Im Bereich Nachhaltiger Tourismus vernetzt das IPD tunesische Reiseanbieter mit europäischen Veranstaltern. Und im neuen Sektor Digitale Produkte & Services vermittelt das IPD den Kontakt zu IT-Experten in Kenia und Tunesien.
Ich kann es daher nur bekräftigen: In Afrika gibt es noch viel ungenutztes Potenzial und wir unterstützen deutsche und europäische Unternehmen dabei, sich stärker zu vernetzen, den direkten Handel mit afrikanischen Partnern auszubauen und die Möglichkeiten in den verschiedenen Sektoren zu nutzen.
Welche Vorteile hat der direkte Bezug von einem Hersteller aus Afrika?
Dr. Julia Bellinghausen: Grundsätzlich gesprochen fördert der direkte Kontakt zwischen Produzenten beziehungsweise Dienstleistern und Einkäufern das Vertrauen zwischen den Vertragspartnern. Das Produkt erhält somit ein „Gesicht“. Das schafft die Basis für langfristige, stabile Handelsbeziehungen.
Das direkte Feedback erleichtert den Unternehmen im IPD-Programm Investitionen in Qualität, Zertifizierungen und Nachhaltigkeit. Sie lernen die Marktanforderungen besser zu verstehen und können ihre Produkte gezielt weiterentwickeln. Zudem erzielen sie durch den Direkthandel höhere Margen, da Zwischenhändler wegfallen und ein größerer Anteil der Wertschöpfung im Ursprungsland verbleibt. Sie erhalten direkten Zugang zu Marktpreisen und Nachfrageinformationen, wodurch sie ihre Produktion besser planen und Preisschwankungen gezielter begegnen können.
Der Importeur wiederum kann seine Qualitätsanforderungen und auch individuelle Wünsche einbringen. Und vor allem entstehen transparentere Handelsbeziehungen: Er kann die Lieferketten, Produktionsbedingungen und die Qualität nachverfolgen.
Marcus Schwenke: Der Vorteil liegt weniger in der bloßen Verkürzung einer Lieferkette als in einer engeren, transparenteren und langfristigeren Zusammenarbeit. Anforderungen an Qualität, Mengen, Verarbeitung, Verpackung, Zertifizierung und Liefertermine können unmittelbar abgestimmt werden. Das erleichtert die Rückverfolgbarkeit und hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen. In Zeiten störanfälliger Lieferketten trägt eine breitere Lieferantenbasis zudem zur Versorgungssicherheit bei.
Gerade der Groß- und Außenhandel übernimmt dabei zentrale Funktionen. Er prüft Lieferanten, bündelt Mengen, finanziert Warenströme, organisiert Transport, Zollabwicklung und Lagerhaltung, sichert Qualität und Verfügbarkeit und trägt erhebliche Preis-, Liefer- und Ausfallrisiken. Außerdem übersetzt er die Anforderungen des europäischen Marktes für die Produzenten und macht deren Angebot für gewerbliche Kunden überhaupt erst nutzbar.
Was bedeutet Nachfrageorientierung konkret und wie profitieren beide Handelspartner davon?
Marcus Schwenke: Nachfrageorientierung bedeutet, vom konkreten Bedarf des europäischen Marktes auszugehen. Es reicht nicht, dass ein Unternehmen ein gutes Produkt herstellen kann. Das Produkt muss auch hinsichtlich Qualität, Menge, Preis, Lieferzeit, Verpackung und Dokumentation den Anforderungen der Abnehmer entsprechen. Davon profitieren Importeure unmittelbar.
Dr. Julia Bellinghausen: Das IPD bereitet die Unternehmen im IPD-Programm auf die konkreten Anforderungen der Importeure vor. Die Unternehmen wissen somit, dass ihr Angebot gute Chancen auf dem europäischen Markt haben wird. Das verschafft Sicherheit.
Zugleich können sie mit Hilfe der IPD-Expertise ihr Angebot gezielt weiterentwickeln. Sie lernen, welche Produktqualitäten nachgefragt werden, welche Standards erfüllt werden müssen und wo sich Investitionen lohnen.
Marcus Schwenke: Nachfrageorientierung ist damit kein einseitiges Diktat des europäischen Marktes. Sie ist ein Lern- und Abstimmungsprozess zwischen beiden Seiten. Erfolgreicher Handel entsteht nämlich dort, wo die Fähigkeiten der Produzenten und der Bedarf der Abnehmer systematisch zusammengeführt werden.
Das Interview führte Samira Akrach von Germany Trade & Invest im September 2026.
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