Äthiopien gehörte im letzten Jahrzehnt zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Selbst im Coronajahr 2020 lag das Wachstum bei 6 Prozent. Doch derzeit stellt der bewaffnete Konflikt in Tigray und anderen Regionen Äthiopiens die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zunehmend in Frage.

Es herrscht Unsicherheit, ob und wann der Vielvölkerstaat auf seinen dynamischen Wachstumspfad zurückkehren kann. Die Bekleidungsindustrie und andere Exportbranchen zeigen sich getroffen von dem Aussetzen von Handelsvorteilen, mit dem die USA auf die Lage reagiert haben. Trotz aktueller Krise bietet Äthiopien mit seinen über 110 Millionen Einwohnern auch deutschen Firmen großes Absatzpotenzial.

Das Länderprofil wurde zuletzt im Januar 2022 aktualisiert.

Äthiopien ist eines von zwölf afrikanischen Ländern der G20-Initiative Compact with Africa (CwA). Ziel ist es, die Bedingungen für private Investitionen in den Teilnehmerländern zu verbessern.

Afrika-Experte Carsten Ehlers

Afrika-Experte Carsten Ehlers

Die Ausweitung des Tigray-Konflikts auf andere Regionen sorgt für zunehmende politische Instabilität und gefährdet die von Premierminister Abiy Ahmed gewollte wirtschaftliche Öffnung. Private Investoren halten sich derzeit zurück. Gleichwohl ist der äthiopische Markt einer der am wenigsten erschlossenen und gleichzeitig potenzialreichsten in Afrika.

Carsten Ehlers Korrespondent für Ostafrika bei Germany Trade & Invest

Daten und Fakten Äthiopien

SWOT-Analyse

S

Strengths Stärken

  • Nachfrage durch große Bevölkerung
  • Ethiopian Airlines fliegt viele Ziele in Afrika an
  • Große Energieressourcen (Wind, Wasser, Geothermie)
  • Relativ wenig Konkurrenz
W

Weaknesses Schwächen

  • Riesiges Handelsbilanzdefizit und Devisenmangel
  • Lähmende Bürokratie
  • Behörden verschiedener Ebenen agieren teils sehr unterschiedlich
  • Stark regulierte Wirtschaft; privates Engagement ist vielfach nicht möglich
O

Opportunities Chancen

  • Hoher Bedarf an Infrastruktur und Investitionsgütern
  • Produktion für den Export (Textilien, Schnittblumen, Kaffee)
  • Öffnung von Dienstleistungssektoren
T

Threats Risiken

  • Bewaffnete innere Konflikte, politische Unsicherheit, soziale Spannungen
  • Hohe Inflation
  • Zahlungsschwierigkeiten aufgrund fehlender Devisen
  • Steigende Verschuldung, Abhängigkeit von China

Potenzialbranchen

Energiewirtschaft

Investitionen von 40 Milliarden US-Dollar sollen in den nächsten Jahren in den Ausbau von erneuerbaren Energien fließen. Dabei setzt die Regierung vor allem auf Wasserkraftprojekte sowie Geothermie- und Windkraftanlagen. Größtes Vorhaben ist das umstrittene GERD-Staudammprojekt nahe der sudanesischen Grenze, das derzeit zu etwa 85 Prozent fertiggestellt ist. Drei Windfarmen laufen bereits, zwei weitere befinden sich im Bau, zudem gehen Erdwärme-Bohrungen voran. Ein weiteres Projekt bildet der Ausbau von Übertragungsleitungen, unter anderem nach Kenia (Ethiopia-Kenya-Electricity Highway), finanziert von der Weltbank. 

Bauwirtschaft

Staatliche Infrastrukturaufträge gehen zurück, die Regierung wird aber weiterhin mit Hilfe der internationalen Geber in die Infrastruktur investieren. Lieferchancen in der Baubranche bestehen reichlich - allerdings erschweren die knappen Devisen die Geschäfte. Deutsche Unternehmen können in erster Linie bei komplexen Bauprojekten als Berater unterstützen sowie in der lokalen Baustoffproduktion.

Gesundheitswirtschaft

Noch wird der Gesundheitsmarkt staatlich kontrolliert. Äthiopiens Regierung will ihn jedoch privatisieren. Sollte die Öffnungspolitik umgesetzt werden, so entstehen verschiedene Chancen für private Investitionen. Interessante Bereiche sind Labore, Röntgendiagnostik und Onkologie. Auch Lieferchancen sind vorhanden, werden jedoch durch den Mangel an Devisen erschwert.

Landwirtschaft

Äthiopien muss die lokale Nahrungsmittelproduktion aufgrund der wachsenden Bevölkerung dringend ausbauen. Für deutsche Unternehmen bestehen Zuliefer- und Investitionschancen. Private Investitionen fließen vorrangig im Agro-Processing. Wichtigstes Exportgut des Landes ist Kaffee, rund ein Fünftel davon geht nach Deutschland. Der Export von Hortikultur, wie Schnittblumen und Avocados dürfte weiterhin wachsen.

Nahrungsmittel

Angesichts einer jährlich um fast 3 Millionen Einwohner wachsenden Bevölkerung erweitern Hersteller von Getränken, Nahrungsmitteln oder Hygieneartikeln ihre Kapazitäten. Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen sind deshalb einer der größten Posten deutscher Lieferungen nach Äthiopien.

Textil und Bekleidung

Die Pandemie hat die vormals florierende Textilbranche hart getroffen. Nun könnten Äthiopiens Bekleidungsexporteure massiv darunter leiden, dass die USA zum 1.1.2022 wegen des bewaffneten Konflikts ein wichtiges Handelsabkommen aufgekündigt haben, das bevorzugten Marktzugang für viele Waren ermöglichte.

IT und Telekommunikation

 

Umwelt und Wasser

Vor allem internationale Geber finanzieren zahlreiche Wasserprojekte in Äthiopien, darunter das “Second Urban Water Supply and Sanitation Project“ (UWSSP). Es soll bis 2023 die Abwasserentsorgung von Addis Abeba ausbauen.

Der Branchencheck Äthiopien enthält weitere Informationen zu den aktuellen Entwicklungen und Links zu ausführlichen Branchenberichten.  

Marktzugang

Rechtlicher Rahmen, Gründen, Investieren

Gewerbliche Wareneinfuhr und Zoll

Arbeitsmarkt und Löhne

Die Bezahlung für einfache Tätigkeiten ist in Äthiopien sehr niedrig, mittlere Einkommen gibt es kaum und im Management fallen die Gehälter relativ hoch aus. Gerade außerhalb der Hauptstadt fällt es Unternehmen schwer, gute Mitarbeiter zu finden und zu halten. Viele beklagen eine hohe Fluktuation in ihren Betrieben. Zudem erfüllen Bewerber oft nicht die Anforderungen in der Praxis, sodass Firmen ihre neuen Mitarbeiter erst einmal innerbetrieblich schulen müssen. 

Einen detaillierten Überblick über die Lage am Arbeitsmarkt, Löhne und den arbeitsrechtlichen Rahmen in Äthiopien gibt die GTAI-Publikation Lohn- und Lohnnebenkosten Äthiopien.

Das Kompetenzzentrum Berufsbildung (Skills Expert Projekt) der Delegation der Deutschen Wirtschaft für Ostafrika bietet deutschen und lokalen Unternehmen sowie Bildungsanbietern Informationen und Beratung rund um das Thema Berufsbildung.

Entwicklungsprojekte und Ausschreibungen

Viele Vorhaben der äthiopischen Regierung werden von internationalen Gebern wie der Weltbank und der EU unterstützt, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung voranzutreiben. Finanziert werden z.B. Projekte zur Ernährungssicherung, Verbesserung der Wasser- und Abwasserversorgung oder Elektrifizierung. Allein die Weltbank sagte 2018 Finanzierungen in Höhe von 3,2 Milliarden US-Dollar zu. Schwerpunkte der deutschen bilateralen Zusammenarbeit sind berufliche Bildung, Sicherung der Ernährung, Landwirtschaft und der Schutz natürlicher Ressourcen. Aus diesen Vorhaben resultieren eine Vielzahl von Ausschreibungen für Consulting-Leistungen, Produkte der Wasser- und Abwassertechnik und viele weitere Güter, auf die sich auch deutsche Unternehmen bewerben können:

Einen Überblick über Geschäftschancen bei öffentlichen Aufträgen gibt Germany Trade & Invest (GTAI) im Bericht Entwicklungszusammenarbeit mit Äthiopien. Bei GTAI finden Sie zudem aktuelle 

Unterstützung beim Markteinstieg in Äthiopien

Das Wirtschaftsnetzwerk Afrika, das BMWK-Markterschließungsprogramm und weitere Institutionen der Außenwirtschaftsförderung bieten verschiedene Maßnahmen in ausgewählten Branchen an, um deutschen Unternehmen die Erschließung des Zielmarktes Äthiopien zu erleichtern.

Unabhängig von der Branche und vom Zielland können Unternehmen die "Beratungsgutscheine Afrika" in Anspruch nehmen. Das Förderprogramm des BMWK unterstützt den Markteinstieg deutscher KMU in Afrika mit bis zu 75 Prozent der Kosten für maximal 15 Beratertage. 

Lebensmittelverarbeitung

Äthiopien gehörte zu den Zielländern des Projektes "Lebensmittelverarbeitung inkl. Kreislaufwirtschaft in Ostafrika" des Wirtschaftsnetzwerks Afrika. Im Rahmen dieses Projektes hat die Delegation der Deutschen Wirtschaft für Ostafrika 2021 eine Marktstudie veröffentlicht.

Symbolbild: Mann liest am Tablet

Download Marktstudie Ostafrika

Marktstudie zu Geschäftschancen in Äthiopien, Kenia, Ruanda, Tansania und Uganda für Unternehmen im Bereich Lebensmittelverarbeitung inklusive Kreislaufwirtschaft.

Germany Trade & Invest (GTAI) hat 2020 eine Studie zur Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie in Äthiopien publiziert.

Für den Bereich Lebensmittelverarbeitung hat die GIZ zwei Sector Briefs veröffentlicht, die einen Überblick zu ausgewählten Bereichen innerhalb des Sektors bieten:

Bauwirtschaft

Im Rahmen des BMWK-Markterschließungsprogramms hat die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Ostafrika 2019 eine Zielmarktanalyse zum Thema Bauwirtschaft in Äthiopien und Ruanda veröffentlicht.

Textil und Bekleidung

Das Wirtschaftsnetzwerk Afrika hat 2019/2020 ein Pilotprojekt in der Textil- und Bekleidungsindustrie in Äthiopien durchgeführt.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert mit der Initiative Partner Africa Ethiopia die deutsch-äthiopische Textilpartnerschaft. Der Gesamtverband der deutschen Maschenindustrie e.V. – Gesamtmasche und ETGAMA setzen die Initiative gemeinsam um.

Umwelt und Wasser

Das BMWK-Markterschließungsprogramm hat 2019 eine Zielmarktanalyse zum Thema Wasserwirtschaft in Äthiopien veröffentlicht.

Das Kompetenzzentrum Energie, Umwelt und nachhaltiges Wirtschaften der Delegation der Deutschen Wirtschaft für Ostafrika berät Unternehmen vor Ort und bietet Marktinformationen.

Energiewirtschaft

Die Exportinitiative Energie hat zwei Zielmarktanalysen zur Energieerzeugung in Äthiopien veröffentlicht: 

Für den Bereich Energiewirtschaft hat die GIZ einen Sector Brief Partnership Ready: Erneuerbare Energien zu den Rahmenbedingungen des Stromsektors in Äthiopien veröffentlicht.

Sicherheitstechnologie

Im Rahmen des BMWK-Markterschließungsprogramms hat die Delegation der Deutschen Wirtschaft für Ostafrika 2019 eine Geschäftsanbahnungsreise zum Thema Zivile Sicherheitstechnologien und -dienstleistungen in Äthiopien durchgeführt und dazu eine Zielmarktanalyse veröffentlicht.

Erfahrungsberichte von Unternehmen in Äthiopien

Kunststoffflaschen in Wasserabfüllfabrik

Getränkeindustrie: Äthiopiens Wasserabfüller suchen neue Technik

Das Geschäft mit Trinkwasser in Äthiopien läuft gut. Marktführer ist das junge Unternehmen Top Water, das im Interview Auskunft über seine weiteren Expansionspläne gibt.

Addis Ababa Bole International Airport in Äthiopien

Coole Pläne: Logistik für Gemüse- und Obstexporte aus Äthiopien

Die Ethiopian Horticulture Association will neben Blumen auch Obst und Gemüse exportieren. Warum die richtige Kühlkette dabei für den Erfolg entscheidend ist.

Produktionsarbeiter in einer Keksfabrik in Afrika; Afrika | © GettyImages/GCShutter

Nachgefragt: Konsumgüterriese Unilever startet in Ostafrika durch

Das Management von Unilever Äthiopien gibt Einblicke in das lokale Geschäft und erklärt, warum der Konzern gerade in Äthiopien so erfolgreich ist.

Frau und ein Mann mit Bauhelmen im Gespräch. Die Kamera fokussiert durch Teile einer Industrieanlage in Südafrika..

Industriepark: Äthiopien steht Modell für Investoren aus China

Die Eastern Industry Zone in Äthiopien ist bestimmt von chinesischen Investoren. Diese treffen ihre Entscheidungen schnell und haben weitere Pläne für den Industriepark.

Näherinnen in einer Textilfabrik in Südafrika.

Zertifiziert: Mehr chinesische Textilproduktion in Äthiopien

Das chinesische Unternehmen Shanghai Textile produziert Bekleidung in äthiopischen Industrieparks für den Export. Dabei spielen Zertifizierungssysteme eine wichtige Rolle.

Eine große Anzahl PET-Flaschen liegt auf einem Feld in Äthiopien.

Kreislauf: Kaffeehandel für Recyclingprojekt in Äthiopien

Das junge Unternehmen Plastic2Beans möchte das Recycling von PET-Flaschen in Äthiopien einführen. In Deutschland verkauft das Start-up aus Köln bereits äthiopischen Kaffee.

Industriearbeiter inspiziert Maschine

Nahrungsmittelmaschinen: Kundendienst vor Ort ist wichtig

Deutsche Maschinenbauer, die den ostfrikanischen Markt erschließen wollen, brauchen einen lokalen Partner. Und Verständnis für die Belange der Kunden in Äthiopien.

Farmarbeiter sammeln Getreide ein

Vom Keller in den Supermarkt: Haferflocken finden reißenden Absatz

Hafer zu Haferflocken zu verarbeiten ist in Äthiopien neu, der Markt groß. Welche Pläne die Jungunternehmerin hat und was zur Umsetzung fehlt.

Futtermittelproduktion in Äthiopien

Futter für die Hühner: Maschinen für die Produktion gesucht

Die Nachfrage nach Futtermittel steigt, nicht nur in Äthiopien. Der Hersteller Alema Koudijs will künftig auch für den Export produzieren.

Äthiopische Frau holt Früchte vom Markt

Plug & Play: Gefragt sind mobile Anlagen zur Obstverarbeitung

Das niederländische Unternehmen africaJUICE will die Produktion in Äthiopien ausbauen und sucht dafür auch spezielle Maschinen.

Afrika, Viehzucht

Milchwirtschaft: Nicht genug gutes Futter

150 Kilometer südwestlich von Addis Abeba stehen Rinder aus Bayern auf einer Farm. Mit ihnen will Balaton Agro Investment eine Milchproduktion nach deutschem Vorbild starten.

Frauenhand auf Nähmaschine in Textilfertigung in Äthiopien

Flexibel sein hilft: Verkauf von Textilmaschinen in Äthiopien

Bullmer ist einer der wenigen deutschen Maschinenbauer mit nennenswerten Umsätzen in Äthiopiens aufstrebender Bekleidungsindustrie.

Textilindustrie; Weibliche Fabrikarbeiterinnen

Löhne nicht entscheidend: Warum Decathlon in Äthiopien fertigt

Anas Tazi, EInkäufer bei Decathlon berichtet, warum sich das Textilunternehmen für einen Markteintritt in Äthiopien entschieden hat.

Schuhfabrik in Kapstadt

Mit Qualität punkten: JP Textile über Chancen in Äthiopien

Chinesen finden chinesische Maschinen erneuerungsbedürftig – das ist doch eigentlich eine interessante Nachricht für deutsche Maschinenbauer.

Arbeiterin an einer Nähmaschine in einer Textilfabrik in Äthiopien

Aus dem Nähkästchen: Verkaufsstrategien für Textilmaschinen

Vertrieb in neuen Märkten kann zunächst vor allem eins sein, aufwändig. Gerade bei Investitionsgütern müssen erstmal Kontakte aufgebaut und mögliche Kunden überzeugt werden.

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