Äthiopiens innere Konflikte stellen derzeit die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zunehmend in Frage. Es herrscht Unsicherheit, ob und wann der Vielvölkerstaat auf seinen dynamischen Wachstumspfad zurückkehren kann.

Das Vertrauen leidet unter einem regionalen Bürgerkrieg, besonders nach aktuellen Berichten über einen Vormarsch der Rebellen in Richtung Hauptstadt. Die Bekleidungsindustrie und andere Exportbranchen zeigen sich getroffen von dem Aussetzen von Handelsvorteilen, mit dem die USA auf die Lage reagiert haben. Dabei hatten nach den Einbußen durch die Coronapandemie auch deutsche Firmen gerade wieder angefangen, Messen in Addis Abeba zu besuchen und den potenziell großen Markt mit seinen über 100 Millionen Einwohnern zu erschließen. 

Aktuelle Informationen zu den Auswirkungen des Tigray-Konflikts und der Coronapandemie auf Äthiopiens Wirtschaft finden Sie im Special von Germany Trade & Invest.


Das Länderprofil wurde zuletzt im November 2021 aktualisiert.

Daten und Fakten Äthiopien

Expertenstimme

Afrika-Experte Carsten Ehlers

Afrika-Experte Carsten Ehlers

Für Äthiopiens Wirtschaft wird das Jahr 2021 wegweisend. Die eigentlich für das Frühjahr 2020 geplanten Parlamentswahlen wurden bereits mehrmals verschoben. Zunehmende politische Instabilität gefährdet die von Premierminister Abiy Ahmed gewollte wirtschaftliche Öffnung. Private Investoren halten sich derzeit zurück. Gleichwohl ist der äthiopische Markt einer der am wenigsten erschlossenen und gleichzeitig potenzialreichsten in Afrika.

Carsten Ehlers Korrespondent für Ostafrika bei Germany Trade & Invest

SWOT-Analyse

S

Strengths Stärken

  • Nachfrage durch große Bevölkerung
  • Ethiopian Airlines fliegt viele Ziele in Afrika an
  • Große Energieressourcen (Wind, Wasser, Geothermie)
  • Politischer Wille bei Gebern, Äthiopien zu einer afrikanischen Erfolgsstory zu machen
W

Weaknesses Schwächen

  • Riesiges Handelsbilanzdefizit und Devisenmangel
  • Lähmende Bürokratie
  • Behörden verschiedener Ebenen agieren teils sehr unterschiedlich
  • Stark regulierte Wirtschaft; privates Engagement ist vielfach nicht möglich
O

Opportunities Chancen

  • Industrieaufbau benötigt Investitionsgüter
  • Hoher Bedarf an Infrastruktur und Gebäuden
  • Produktion für den Export (Textilien, Leder, Schnittblumen, Kaffee)
  • Öffnung von Dienstleistungssektoren interessant für private Investoren
T

Threats Risiken

  • Soziale Spannungen, bewaffnete innere Konflikte
  • Politische Unsicherheit
  • Zahlungsschwierigkeiten aufgrund fehlender Devisen
  • Steigende Verschuldung, Abhängigkeit von China

Potenzialbranchen

Energiewirtschaft

Inzwischen sind private Investitionen in Kraftwerke erlaubt: So bekam Siemens Gamesa 2020 den Zuschlag für einen Liefer- und Bauauftrag eines Windparks. Äthiopien will zum führenden Stromexporteur in Afrika aufsteigen. Dies soll mit Staudamm-Projekten wie „Renaissance“ und „Koysha“ gelingen. Ein weiteres Projekt bildet der Ausbau von Übertragungsleitungen, unter anderem nach Kenia (Ethiopia-Kenya-Electricity Highway), finanziert von der Weltbank. 

Bauwirtschaft

Staatliche Infrastrukturaufträge gehen zurück, die Regierung wird aber weiterhin mit Hilfe der internationalen Geber in die Infrastruktur investieren. Lieferchancen in der Baubranche bestehen reichlich - allerdings erschweren die knappen Devisen die Geschäfte. Deutsche Unternehmen können in erster Linie bei komplexen Bauprojekten als Berater unterstützen sowie in der lokalen Baustoffproduktion

Gesundheitswirtschaft

Noch wird der Gesundheitsmarkt staatlich kontrolliert. Äthiopiens Regierung will ihn jedoch privatisieren. Sollte die Öffnungspolitik fortgesetzt werden, so entstehen verschiedene Chancen für private Investitionen. Interessante Bereiche sind Labore, Röntgendiagnostik und Onkologie. Auch Lieferchancen sind vorhanden, werden jedoch durch den Mangel an Devisen erschwert.

Landwirtschaft

Äthiopien muss die lokale Nahrungsmittelproduktion aufgrund der wachsenden Bevölkerung dringend ausbauen. Für deutsche Unternehmen bestehen Zuliefer- und Investitionschancen. Private Investitionen fließen vorrangig im Agro-Processing. Der Export von Hortikultur, wie Schnittblumen und Avocados dürfte weiterhin wachsen.

Nahrungsmittel

Während der Pandemie sind die Investitionen deutlich geschrumpft, könnten aber nach den Parlamentswahlen im zweiten Halbjahr 2021 wieder ansteigen. Nur in der lokalen Nahrungsmittelindustrie kommt es weiterhin zu Kapitalanlagen. Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen sind einer der größten Posten deutscher Lieferungen nach Äthiopien. Die GTAI informiert in der Studie Äthiopien - Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie über die Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln sowie den Geschäftsaussichten.

Textil und Bekleidung

Die Pandemie hat die Textilbranche hart getroffen: Viele Fabriken mussten vorübergehend schließen. Im Geschäftsjahr 2021 hoffen die Unternehmen weiterhin auf bessere Zeiten. Äthiopiens Textilindustrie ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Grund hierfür ist hauptsächlich der quoten- und zollfreie Marktzugang zur EU und in die USA. Zulieferchancen bestehen vereinzelt für Maschinen und Chemikalien.

IT und Telekommunikation

Äthiopien gilt als der letzte große unerschlossene Telekommunikationsmarkt in Afrika. Aktuell bleibt der Markt weit hinter seinem Potenzial zurück. Für 2021 sind zwei Mobilfunklizenzen ausgeschrieben. Die Auktionsgewinner dürften Milliarden-US-Dollar-Investitionen, in die aktuell langsame und schlechte Abdeckung, tätigen.

Umwelt und Wasser

Im Bereich Wasser finden zahlreiche Aktivitäten statt, die primär internationale Geber finanzieren. Das größte Projekt ist das “Second Urban Water Supply and Sanitation Project“ (UWSSP), welches noch bis 2023 läuft. Ziel ist es, die Abwasserversorgung von Addis Abeba auszubauen.

Der Branchencheck Äthiopien enthält weitere Informationen zu den aktuellen Entwicklungen und Links zu ausführlichen Branchenberichten.  

Marktzugang

Information

Äthiopien ist eines von zwölf afrikanischen Ländern der G20-Initiative Compact with Africa (CwA). Ziel ist es, die Bedingungen für private Investitionen in den Teilnehmerländern zu verbessern.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Das Rechtssystem Äthiopiens enthält Elemente verschiedener westlicher Rechtssysteme. Die Gesetze sind im Internet auch in englischer Sprache abrufbar. Im Jahr 2020 wurde ein neues Investitionsgesetz verabschiedet. Danach können ausländische Investoren in allen Bereichen investieren, die laut Gesetz nicht ausdrücklich inländischen Investoren oder dem äthiopischen Staat vorbehalten sind. Für die Niederlassung können verschiedene Gesellschaftsformen gegründet werden, wie zum Beispiel eine private limited company, die einer deutschen GmbH ähnelt. 

Zoll- und Einfuhrregelungen

Bei der Einfuhr von Waren nach Äthiopien sind eine Vielzahl von Vorschriften und Regeln zu beachten. Die frühzeitige Information über Einfuhrverfahren, zu zahlende Abgaben und mögliche Verbote und Beschränkungen hilft, Verzögerungen an der Grenze und damit zusätzliche Kosten zu vermeiden.

Arbeitsmarkt und Löhne

Die Bezahlung für einfache Tätigkeiten ist in Äthiopien sehr niedrig, mittlere Einkommen gibt es kaum und im Management fallen die Gehälter relativ hoch aus. Gerade außerhalb der Hauptstadt fällt es Unternehmen schwer, gute Mitarbeiter zu finden und zu halten. Viele beklagen eine hohe Fluktuation in ihren Betrieben. Zudem erfüllen Bewerber oft nicht die Anforderungen in der Praxis, so dass Firmen ihre neuen Mitarbeiter erst einmal innerbetrieblich schulen müssen. 

Einen detaillierten Überblick über die Lage am Arbeitsmarkt, Löhne und den arbeitsrechtlichen Rahmen in Äthiopien gibt die GTAI-Publikation Lohn- und Lohnnebenkosten Äthiopien.

Entwicklungsprojekte und Ausschreibungen

Viele Vorhaben der äthiopischen Regierung werden von internationalen Gebern wie der Weltbank und der EU unterstützt, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung voranzutreiben. Finanziert werden z.B. Projekte zur Ernährungssicherung, Verbesserung der Wasser- und Abwasserversorgung oder Elektrifizierung. Allein die Weltbank sagte 2018 Finanzierungen in Höhe von 3,2 Milliarden US Dollar zu. Schwerpunkte der deutschen bilateralen Zusammenarbeit sind berufliche Bildung, Sicherung der Ernährung, Landwirtschaft und der Schutz natürlicher Ressourcen. Aus diesen Vorhaben resultieren eine Vielzahl von Ausschreibungen für Consulting-Leistungen, Produkte der Wasser- und Abwassertechnik und viele weitere Güter, auf die sich auch deutsche Unternehmen bewerben können:

Einen Überblick über Geschäftschancen bei öffentlichen Aufträgen gibt Germany Trade & Invest (GTAI) im Bericht Entwicklungszusammenarbeit mit Äthiopien. Bei GTAI finden Sie zudem aktuelle 

Unterstützung beim Markteinstieg in Äthiopien

Das Wirtschaftsnetzwerk Afrika, das BMWi-Markterschließungsprogramm und weitere Institutionen der Außenwirtschaftsförderung bieten verschiedene Maßnahmen in ausgewählten Branchen an, um deutschen Unternehmen die Erschließung des Zielmarktes Äthiopien zu erleichtern.

Lebensmittelverarbeitung

Äthiopien gehört zu den Zielländern des Projektes "Lebensmittelverarbeitung inkl. Kreislaufwirtschaft in Ostafrika" des Wirtschaftsnetzwerks Afrika.

Das Projekt umfasst verschiedene Module, u.a.

  • Eine umfassende Marktstudie 
  • Bis zu 40 Stunden kostenlose individuelle Beratung können Unternehmen im Rahmen des Projektes in Anspruch nehmen.
  • Digitale Informationsveranstaltung am 23.9.2021 
Symbolbild: Mann liest am Tablet

Marktstudie Ostafrika

Marktstudie zu Geschäftschancen in Äthiopien, Kenia, Ruanda, Tansania und Uganda für Unternehmen im Bereich Lebensmittelverarbeitung inklusive Kreislaufwirtschaft.

Germany Trade & Invest (GTAI) hat 2020 eine Studie zur Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie in Äthiopien publiziert.

Die GIZ informiert Unternehmen mit dem Sector Brief Partnership Ready: Der Gewürzsektor zu den Rahmenbedingungen der Gewürzproduktion in Äthiopien. 

Bauwirtschaft

Im Rahmen des BMWi-Markterschließungsprogramms hat die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Ostafrika 2019 eine Zielmarktanalyse zum Thema Bauwirtschaft in Äthiopien und Ruanda veröffentlicht.

Textil und Bekleidung

Das Wirtschaftsnetzwerk Afrika hat 2019/2020 ein Pilotprojekt in der Textil- und Bekleidungsindustrie in Äthiopien durchgeführt.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert mit der Initiative Partner Africa Ethiopia die deutsch-äthiopische Textilpartnerschaft. Der Gesamtverband der deutschen Maschenindustrie e.V. – Gesamtmasche und ETGAMA setzen die Initiative gemeinsam um.

Umwelt und Wasser

Das BMWi-Markterschließungsprogramm hat 2019 eine Zielmarktanalyse zum Thema Wasserwirtschaft in Äthiopien veröffentlicht.

Energiewirtschaft

Die Exportinitiative Energie hat zwei Zielmarktanalysen zur Energieerzeugung in Äthiopien veröffentlicht: 

Für den Bereich Energiewirtschaft hat die GIZ einen Sector Brief Partnership Ready: Erneuerbare Energien zu den Rahmenbedingungen des Stromsektors in Äthiopien veröffentlicht.

Sicherheitstechnologie

Im Rahmen des BMWi-Markterschließungsprogramms hat die Delegation der Deutschen Wirtschaft für Ostafrika 2019 eine Geschäftsanbahnungsreise zum Thema Zivile Sicherheitstechnologien und -dienstleistungen in Äthiopien durchgeführt und dazu eine Zielmarktanalyse veröffentlicht.

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