Bergbau- und Industrieanlagen bei Kolwezi (DR Kongo)

Über den Stand des Projekts, geopolitische Interessen und Chancen für europäische Unternehmen sprachen wir mit Timo Roujean, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kinshasa.

Herr Roujean, wo steht der Lobito-Korridor heute und wo müsste noch für die volle Funktionstüchtigkeit der Bahnstrecken investiert werden? 

Timo Jules Dominique Roujean Timo Jules Dominique Roujean Timo Jules Dominique Roujean

Die Bahnverbindung ist auf angolanischer Seite bis zur Grenze zur Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) grundsätzlich voll funktionsfähig. Der Engpass liegt auf kongolesischer Seite. Die rund 450 Kilometer lange Strecke zwischen der angolanischen Grenzstadt Luao und Kolwezi im kongolesischen Teil des Kupfergürtels ist zwar nutzbar, benötigt aber erhebliche Modernisierungen, um die angestrebten Transportmengen an Kupfer und Kobalt effizient abzuwickeln. Um die wichtigsten Minen an der Bahnstrecke anschließen zu können, müsste auch die Strecke Kolwezi-Tenke (circa 80 Kilometer) instandgesetzt werden. Die Weiterführung der Strecke über Tenke hinaus, in Richtung Sakania muss umfassend rehabilitiert werden. Für dieses Vorhaben werden Kosten von bis zu 1,5 Milliarden Euro veranschlagt. 

Wie wichtig ist der Ausbau der Verbindungen in DR Kongo für den Erfolg des Lobito-Korridors? 

Dies hängt ganz davon ab, welchen Zweck der Lobito-Korridor erfüllen soll. Soll dieser ausschließlich dem Transport von Erzen zur Atlantikküste dienen, dürfte die Verlängerung bis nach Tenke ausreichen, um die größten Kobaltvorkommen an das Eisenbahnnetz anzubinden. Dadurch würde dem Vorhaben jedoch sein Potenzial genommen, sich zu einem der wichtigsten regionalen Integrationsprojekte zu entwickeln. Da die kongolesische Regierung ausdrücklich nicht möchte, dass das Vorhaben ausschließlich als Exportkanal für den Erztransport fungiert, dürfte es in ihrem Interesse liegen, die gesamte Strecke bis nach Sambia instand zu setzen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Warum verzögert sich der Ausbau der Strecke? 

Die kongolesische Regierung würde gerne den Status der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCC als Betreiber der Eisenbahninfrastruktur beibehalten und bevorzugt als Finanzierungsmodell ein Darlehen. Die EU zeigt sich hingegen skeptisch, will wirtschaftlich tragfähige und transparent geregelte Betriebsstrukturen. Sie setzt auf eine stärkere Beteiligung des Privatsektors; sie strebt daher ein Konzessionsmodell nach angolanischem Vorbild an. Diese Interessengegensätze bremsen bislang die Umsetzung des Projekts.

Wie werden die Rohstoffe aus dem Kongo heute abtransportiert? 

Derzeit werden kongolesische Mineralien bislang überwiegend per Lastwagen und Bahn über die Häfen Dar es Salaam (Tansania), Durban (Südafrika) sowie Beira (Mosambik), die allesamt am Indischen Ozean liegen, exportiert und nach Südostasien, insbesondere China, für die Weiterveredelung und Verarbeitung transportiert. Über Lobito laufen bereits einzelne kommerzielle Transporte, die Route hat die etablierten Korridore aber noch nicht ersetzt. 

Der Lobito-Korridor soll den zentralafrikanischen Kupfergürtel über Angola mit dem Atlantik verbinden. Für Europa könnte die Route den Zugang zu Kupfer, Kobalt und weiteren kritischen Rohstoffen erleichtern. Gleichzeitig gilt das Vorhaben als eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der EU-Global-Gateway-Strategie in Afrika. 

Jüngst hat die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Studie zum Lobito-Korridor veröffentlicht. 

Wie steht es um die geplante Route, die überwiegend über Sambia verläuft?

Während die kongolesische Regierung noch zögert, ist die Planung auf sambischer Seite bereits weit fortgeschritten. Das Investitionsvolumen beläuft sich auf 4 bis 5 Milliarden US-Dollar, um den 830 Kilometer langen sambischen Kupfergürtel direkt an das angolanische Eisenbahnnetz anzubinden. Für das Projekt wurden bereits erhebliche Finanzmittel zugesagt. Der Baubeginn steht jedoch bislang noch aus. Sollte die rein sambische Strecke schneller umgesetzt werden, würde DR Kongo bei der Ansiedlung von Industrien im Nachteil sein. Allerdings sind die kongolesischen Kupfer- und insbesondere Kobaltvorkommen für die globale Versorgung deutlich bedeutender.

Wie ist die chinesische Dominanz im kongolesischen Bergbau entstanden?

Kurz nach dem Ende des Zweiten Kongo-Krieges (1998 – 2003) investierten chinesische Unternehmen in den Erwerb von Bergbaukonzessionen und Beteiligungen an Kupfer- und Kobaltminen. Diese Investitionen wurden gezielt mit groß angelegten Infrastrukturprogrammen verknüpft. Parallel wurden umfangreiche Weiterverarbeitungskapazitäten in China aufgebaut. China verfolgte damit eine langfristige Strategie, bei der Staat und Unternehmen eng zusammenarbeiten. 

Wie hat China auf den Lobito-Korridor reagiert? 

China stand dem Lobito-Korridor zunächst nicht ablehnend gegenüber und war bereits am Ausbau des angolanischen Abschnitts beteiligt. Inzwischen konzentriert sich Peking verstärkt auf Infrastrukturprojekte zur Stärkung eigener Lieferketten. Dazu gehören insbesondere der TAZARA (Tanzania-Zambia Railway) nach Dar es Salam. Zur Erschließung der kongolesischen Lithiumvorkommen in Manono in der Provinz Taganyika wird derzeit eine rund 430 Kilometer lange Straßenverbindung nach Kalemie am Tanganjikasee ausgebaut. 

Mit Trump geht eine neue Kongo-Politik der USA einher, wie sieht diese aus? 

Nach den militärischen Rückschlägen der kongolesischen Regierung im Osten des Landes wurde ihr bewusst, dass sie nicht in der Lage sein würde, die verlorenen Gebiete mit eigenen militärischen Mitteln zurückzuerobern. Dies ebnete den Weg für die Vereinigten Staaten, um das Abkommen „U.S.-DRC Strategic Partnership Agreement“ vom Dezember 2025 auszuhandeln. Die USA erhöhten im Zuge dessen den politischen und wirtschaftlichen Druck auf Ruanda. Das Abkommen sieht unter anderem bevorzugte Angebotsrechte für US- Akteure bei ausgewählten strategischen Projekten und Rohstoff-Assets vor. Auch der Ausbau des Sakania-Lobito-Korridors wird ausdrücklich genannt. Zugespitzt könnte man diese Abkommen auch "Sicherheit für Rohstoffe" nennen.

Welche Erfolge konnten die USA zuletzt erzielen?

Die kongolesische Regierung genehmigte 2026 die geplante Übernahme des Kupfer- und Kobaltproduzenten Chemaf durch das US-Unternehmen Virtus Minerals. Virtus arbeitet dabei mit der US-Investmentplattform Orion CMC zusammen. Der schweizerische Glencore-Konzern verkauft einen Teil seiner Kongo-Anteile an den Rohstofffonds. KoBold Minerals ist in der Exploration von Lithium in Manono tätig. Zu den Investoren zählen unter anderem Bill Gates, Jeff Bezos und BHP. Es gibt weitere Absichtserklärungen und Verhandlungen über Bergbau-Assets. Ob in deren Folge neue Produktions- und Verarbeitungskapazitäten entstehen, hängt allerdings noch von Finanzierung und Umsetzung ab. Chinesische Unternehmen bleiben im kongolesischen Kupfer- und Kobaltbergbau stark vertreten.

Wie kommt dieser Erfolg der Amerikaner zustande? 

Neben der diplomatischen und sicherheitspolitischen Flankierung kombinieren die USA Finanzierung, Kreditgarantien und Instrumente zur Mobilisierung privater Investitionen. Das US-Verteidigungsministerium kann über den Defense Production Act Rohstoffprojekte finanziell unterstützen und die Abnahme strategischer Mineralien absichern. Dadurch steigen die Realisierungschancen vieler Projekte erheblich.

Wie unterscheidet sich die Strategie der EU von der der USA? 

Während das Interesse der US-Regierung in erster Linie auf dem raschen Export kritischer Mineralien mithilfe einer gut ausgebauten Eisenbahninfrastruktur beruht, verfolgt die EU einen ganzheitlichen Ansatz, wonach der Korridor nicht nur dem Export, sondern auch der Entwicklung dienen soll. Aus europäischer Sicht soll der Ausbau mit Investitionen in Energie, Digitalisierung sowie Industrie und Landwirtschaft verbunden werden.

Ist die Differenz zwischen den USA und der EU - hier Exportkorridor, da Entwicklungskorridor - tatsächlich so groß? 

Bislang besteht der Unterschied vor allem im politischen Anspruch. Zwar betont die EU die Förderung von Infrastruktur, Landwirtschaft, Energieversorgung, lokaler Wertschöpfung und Digitalisierung, doch ohne eine sichtbare Umsetzung dieser Vorhaben reduziert sich der Lobito-Korridor faktisch auf seine ursprüngliche Funktion: dem Export von strategischen Rohstoffen. 

Profitiert die EU nicht auch von den Erfolgen der USA?

Selbstverständlich ist es ein großes Plus für die EU-Länder, wenn der Transportkorridor mit Hilfe der US-Investitionen ausgebaut wird. Das US-DRK-Abkommen gewährt US-Akteuren bei ausgewählten Projekten und Abnahmemöglichkeiten allerdings bevorzugte Rechte. 

Warum baut Europa seine wirtschaftliche Präsenz nur begrenzt aus?

Hohe ESG-Standards (Environment, Social, Governance) und der Aufbau einer lokalen Verarbeitung werden von der kongolesischen Regierung grundsätzlich begrüßt. Für Investitionsentscheidungen sind jedoch vor allem Finanzierung, Abnahmeverträge und die tatsächliche Investitionsbereitschaft entscheidend.

Wie positioniert sich die kongolesische Regierung im geopolitischen Wettbewerb?

Die kongolesische Regierung weiß bislang geschickt verschiedene Interessen zu bedienen und versucht, die Konkurrenz zwischen westlichen Akteuren und China zum eigenen Vorteil zu nutzen. Die Regierung sucht eine ausgewogene Zusammenarbeit mit westlichen Partnern und China. Das erneuerte Interesse der USA kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem die kongolesische Regierung versucht, ihre Abhängigkeiten zu reduzieren und zugleich verarbeitende Industrien im Kupfergürtel anzusiedeln.

Welche Bedeutung hat der neue Tiefseehafen Banana für die Logistikstrategie der DR Kongo?

Mit dem Tiefseehafen Banana für DR Kongo soll ein moderner Tiefwasserhafen entstehen. Diesen will die Regierung als Ausgangspunkt eines innerkongolesischen Korridors nehmen. Das Projekt wird von der kongolesischen Regierung gemeinsam mit DP World und weiteren Privatunternehmen entwickelt. Die Regierung erhofft sich eine wirtschaftliche Entwicklung entlang des rein kongolesischen Landweges.

Wie gestalten sich die Beziehungen zwischen Deutschland und DR Kongo? 

Gut. Deutschland zählt zu den wichtigsten bilateralen Partnern der DR Kongo, ohne dass sich dies in einem hohen wirtschaftlichen Engagement deutscher Unternehmen widergespiegelt. In dieser Hinsicht könnte der für den Spätherbst geplante Dialog zwischen der kongolesischen und der deutschen Regierung eine geeignete Gelegenheit bieten, über konkrete wirtschaftliche Leucht- und Investitionsprojekte zu verhandeln. 

Wo im Wettbewerb um den Lobito-Korridor liegen die Stärken Deutschlands und der EU?

Angesichts der enttäuschenden Bilanz der sino-kongolesischen Verträge aus dem Jahr 2008 und der Natur des amerikanischen Abkommens, welches der Kongo aus einer Position der Schwäche heraus abschloss und eine schnelle Erzausfuhr ohne lokale Transformation vorsieht, bietet der Lobito-Korridor nach europäischer Konzeption eine attraktive Alternative. Zudem sollte die Bundesregierung prüfen, inwiefern sie sich ebenfalls am nationalen Prestigeprojekt Banana-Korridor entwicklungspolitisch beteiligen könnte. 

Wie können sich deutsche oder europäische Unternehmen im Lobito-Korridor einbringen?

Deutsche und europäische Unternehmen sollten nicht nur als Rohstoffabnehmer auftreten, sondern sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette engagieren. Dies kann über Beteiligungen an Infrastruktur-, Energie- und Industrieprojekten erfolgen. Unternehmen sollten sich frühzeitig positionieren, um sich strategische Rollen in zukünftigen Lieferketten zu sichern. Bestehende Finanzierungs- und Garantieinstrumente internationaler Entwicklungsbanken sollten gezielt genutzt werden.

Welche Rolle spielt die Positionierung der EU im Ost-Kongokonflikt für die wirtschaftlichen Beteiligungschancen der EU?

Außenpolitisch verpasste die EU die Gelegenheit, die 2024 geschlossene strategische Absichtserklärung mit Ruanda nach dem Fall von Goma und Bukavu aufzukündigen. Dies nährt in Teilen der kongolesischen Öffentlichkeit Zweifel an der Glaubwürdigkeit der EU. Aus dieser Perspektive sollte sich Deutschland, wie bisher weiterhin, um eine striktere Haltung der EU gegenüber Ruanda in den EU-Institutionen bemühen. 

Viele Unternehmen bezeichnen DR Kongo als schwierigen Markt. 

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass DR Kongo ein herausfordernder Markt ist. Entscheidend ist eine nüchterne Betrachtung der tatsächlichen strukturellen und operativen Risiken. Internationale Wahrnehmungen konzentrieren sich häufig auf Krisen, obwohl der Lobito-Korridor und der Süden Kongos weit von den wichtigsten Konfliktregionen entfernt liegen. Negativfaktoren sind mangelnde Transparenz, Korruption, rechtliche Unsicherheit und eine hohe bürokratische Last. Chancen, dass die genannten Risiken bei Investitionen im Zusammenhang des Lobito-Korridors mittels politischer und finanzieller Flankierungsmaßnahmen nachhaltig gemindert werden, sind durchaus gegeben. 

Erfolgreich können nur Unternehmen sein, die langfristig denken, lokale Partnerschaften aufbauen und sich am Aufbau von Infrastruktur und Industrie beteiligen.

Wer abwartet, bis sämtliche bürokratischen und strukturellen Herausforderungen überwunden sind, bevor er unternehmerisch in DR Kongo tätig wird, läuft Gefahr, den geeigneten Zeitpunkt für den Markteintritt zu verpassen.

Das Interview führte Fausi Najjar von Germany Trade & Invest im August 2026.

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