Interview mit Henrik Hartmann, Leiter des Sekretariats der deutsch-südafrikanischen Energiepartnerschaft in Pretoria
Henrik Hartmann
Besuch einer südafrikanischen Delegation in der Elektrolyseurfertigung bei Siemens Energy in Berlin
Die deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft ist die zentrale Plattform für den energiepolitischen Dialog zwischen beiden Ländern und wurde 2013 ins Leben gerufen. Sie wird vor Ort durch die GIZ umgesetzt, seit 2023 leitet Henrik Hartmann das Sekretariat in Pretoria. Im Fokus stehen die sozial gerechte Energiewende, der Ausbau grüner Technologien sowie neue industrielle Wertschöpfungsketten – etwa in den Bereichen Netzinfrastruktur, Wasserstoff und kritische Rohstoffe. Ziel ist es, die Transformation des Energiesystems voranzutreiben und zugleich Handel, Technologietransfer und resilientere, dekarbonisierte Lieferketten zu stärken.
Herr Hartmann, was ist die deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft und welche Ziele verfolgt sie?
Die deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft ist eine bilaterale Kooperation zwischen dem südafrikanischen Department of Electricity and Energy und dem deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Ziel ist es, gemeinsam Lösungen für sichere, bezahlbare und klimafreundliche Energiesysteme zu entwickeln und daraus konkrete Investitions-, Handels- und Wertschöpfungschancen für beide Seiten zu schaffen.
Dazu gehören unter anderem der Ausbau erneuerbarer Energien, die Modernisierung der Stromnetze, die Entwicklung von grünem Wasserstoff und Power-to-X, Energieeffizienz sowie zunehmend industrielle Wertschöpfungsketten für Batterien und nachhaltige Mobilität.
Welche Rolle spielt das Sekretariat der Energiepartnerschaft vor Ort in Südafrika?
Das von der GIZ umgesetzte Sekretariat unterstützt die beiden Ministerien bei der praktischen Umsetzung. Es dient als Plattform für den Austausch zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, bereitet politische Dialoge vor und bringt relevante Akteure zusammen.
Eine wichtige Rolle besteht auch darin, die Perspektiven beider Seiten zu verdeutlichen: Was sind die Prioritäten der südafrikanischen Regierung? Wo liegen die Interessen deutscher Unternehmen? Welche technischen oder regulatorischen Fragen müssen geklärt werden, damit Investitionen und Kooperationen entstehen können?
Was zeichnet den südafrikanischen Energiesektor aktuell aus – und wo liegen seine größten Herausforderungen?
Der südafrikanische Energiesektor befindet sich in einer tiefgreifenden Umbruchphase. Einerseits ist das Land weiterhin stark von Kohle abhängig und kämpft mit den Folgen jahrelanger Stromversorgungsprobleme. Andererseits hat Südafrika enorme Potenziale für erneuerbare Energien, insbesondere Solar- und Windenergie, und verfügt über eine starke industrielle Basis.
Die größten Herausforderungen liegen derzeit in der Modernisierung und Erweiterung der Stromnetze, der Integration großer Mengen erneuerbarer Energien, der Reform des Strommarktes sowie der Sicherstellung einer verlässlichen und bezahlbaren Versorgung. Hinzu kommt die Frage, wie die Energiewende sozial und wirtschaftlich gerecht gestaltet werden kann – insbesondere in Regionen, die heute stark von Kohle abhängen.
Gleichzeitig entstehen durch diese Transformation neue Märkte. Beispiele dafür sind Netzinfrastruktur, Speicher, digitale Lösungen, Energieeffizienzlösungen in der Industrie, aber auch saubere Kraft- und Grundstoffe auf der Basis von Wasserstoff oder die Verarbeitung von Rohstoffen für Batterien und andere relevante Technogien für die Energiewende.
Wie eng ist die deutsch-südafrikanische Zusammenarbeit im Energiesektor bereits?
Die Energiepartnerschaft baut auf einer langjährigen Zusammenarbeit auf und ergänzt bestehende Initiativen wie die Just Energy Transition Partnership, Programme der Entwicklungszusammenarbeit sowie EU-Initiativen wie Global Gateway oder die Clean Trade and Investment Partnership. Auch auf Unternehmensebene bestehen enge Verflechtungen: Deutsche Unternehmen sind in zahlreichen Branchen aktiv, darunter Energie- und Umwelttechnik, Maschinenbau, Automobilindustrie und Infrastruktur. Die Zusammenarbeit reicht von Projektentwicklung über Komponentenlieferungen bis hin zu Engineering, Digitalisierung und Speicherlösungen. Die Energiepartnerschaft verbindet diese Aktivitäten und übersetzt politische Themen in konkrete Kooperations- und Investitionsmöglichkeiten.
Auf welche Themen konzentriert sich die Energiepartnerschaft derzeit besonders?
Aktuell konzentriert sich die Energiepartnerschaft besonders auf drei Themenfelder. Erstens geht es um Stromnetze und Marktreformen. Südafrika plant einen massiven Ausbau seiner Übertragungsinfrastruktur und öffnet den Stromsektor schrittweise für neue Marktakteure. Das schafft großen Bedarf an technischer Expertise, Regulierungserfahrung und Investitionen.
Zweitens steht grüner Wasserstoff und Power-to-X im Fokus. Deutschland wird langfristig auf den Import klimafreundlicher Energieträger angewiesen sein, um die Energieversorgung zu sichern. Südafrika ist dafür ein idealer Partner. Denn neben sehr gutem Potenzial für erneuerbare Energien besitzt Südafrika industrielle Kapazitäten zur Herstellung von Wasserstoff, Ammoniak, synthetischen Kraftstoffen oder grünem Eisen.
Drittens gewinnt die industrielle Dimension der Energiewende an Bedeutung, etwa in der Verarbeitung von relevanten Rohstoffen für die Energiewende. Auch hier profitieren beide Partner von der Kooperation. Südafrika kann einen wichtigen Beitrag zur Diversifizierung und Resilienz deutscher und europäischer Lieferketten leisten. Zugleich können deutsches Know-how und Direktinvestitionen dazu beitragen, mehr lokale Wertschöpfung, Wachstum und Beschäftigung in Südafrika zu schaffen.
Wie profitieren deutsche Unternehmen ganz konkret von der Energiepartnerschaft – gibt es Beispiele aus der Praxis?
Unternehmen erhalten besseren Zugang zu Informationen, politischen Entscheidungsträgern und lokalen Partnern. Formate wie Fachdialoge oder Austauschplattformen ermöglichen direkten Marktzugang – insbesondere zu Themen wie Netzausbau, Systemintegration oder Marktöffnung. Im Wasserstoffbereich wurden etwa in „H2 Labs“ Projektideen entwickelt, von denen einige inzwischen weit fortgeschritten sind und gefördert werden. Für Finanzierung und Absicherung wird auf etablierte Instrumente des Bundes verwiesen, während die Einbindung von Unternehmen häufig über die Auslandshandelskammer, den Afrika-Verein oder Branchenverbände erfolgt.
Welche Formate oder Aktivitäten bieten Sie an, um Unternehmen zu vernetzen oder Projekte anzustoßen?
Gängige Formate sind Fachdialoge, Business Roundtables, Delegationsreisen, Workshops, Studien, Hintergrundgespräche und gezieltes Matchmaking. Dabei versuchen wir politische und technische Fragen mit konkreten Unternehmensperspektiven zu verbinden. Für strategisch bedeutsame Projekte bringen wir Ministerien, Regulierungsbehörden, Entwicklungsbanken, Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Verbände zusammen. Unterstützend bieten wir Marktanalysen, Studien, Projekt-Mappings oder Austausch mit Finanzierungsinstitutionen an. Wichtig ist, dass aus Dialogen möglichst konkrete nächste Schritte entstehen.
Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die größten Chancen für deutsche Unternehmen im südafrikanischen Energiesektor?
Die größten Chancen liegen aus meiner Sicht in Bereichen, in denen Südafrika vor großen Investitions- und Reformaufgaben steht und deutsche Unternehmen starke Technologie- und Umsetzungskompetenz mitbringen. Ein zentrales Feld ist der Netzausbau. Hier sehen wir in den kommenden Jahren viele Möglichkeiten für Übertragungs- und Verteilnetze, Umspannwerke, Netzleittechnik, Digitalisierung, Speicherintegration und Systemdienstleistungen. Ohne leistungsfähige Netze kann Südafrika sein Potenzial bei erneuerbaren Energien nicht ausschöpfen.
Südafrika ist auch interessant als Industriestandort. Das Land verfügt über energieintensive Industrien wie Bergbau, Chemie, Automobil oder Stahl, die auf sichere, bezahlbare und klimafreundliche Energieversorgung angewiesen sind. Dadurch entstehen Chancen bei der Direktabnahme erneuerbarer Energien, Energieeffizienz, Batteriespeichern, grünen Industrieparks und Wasserstoff.
Welche neuen Themen gewinnen an Bedeutung – auch über den klassischen Energiesektor hinaus?
Ein Thema, das deutlich an Bedeutung gewinnt, ist die Verbindung von Energiewende und Industriepolitik. Es geht nicht mehr nur darum, erneuerbaren Strom zu erzeugen, sondern darum, wie dieser Strom neue industrielle Wertschöpfung ermöglicht und zur wirtschaftlichen Entwicklung beiträgt.
Am Beispiel Batterien wird dies sehr deutlich: Der globale Batteriemarkt wächst rasant. Südafrika verfügt über relevante Rohstoffe und Kapazitäten zu deren Verarbeitung, etwa bei Mangan, Nickel, Phosphat, Fluorchemie oder Vanadium. Die Frage ist, ob und wie daraus künftig stärker verarbeitete Produkte, Vorprodukte oder Komponenten zur internationalen Vermarktung entstehen können. Für Deutschland und Europa ist es aus Sicht der Resilienz gerade jetzt sehr relevant, alternative Lieferketten mit Ländern wie Südafrika zu entwickeln.
Weitere wachsende Themen sind Elektromobilität, nachhaltige Kraftstoffe, grünes Eisen und Stahl, Carbon Management und digitale Energiesysteme. Die Energiepartnerschaft fungiert hier als Brücke zwischen Energie-, Klima- und Wirtschaftspolitik.
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