Ingenieure mit Tablet inspizieren Auto in Tunesien

Das Familienunternehmen Marquardt setzt sich in Tunesien für die duale Ausbildung von Fachkräften nach deutschem Modell ein.

Die TAMA Akademie rückt die praktische Ausbildung tunesischer Fachkräfte in den Fokus. Nach dem Vorbild des deutschen dualen Systems werden so neue Ausbildungsplätze geschaffen.

Viele Unternehmen in Tunesien stehen vor der Herausforderung, dass Absolventinnen und Absolventen der Universitäten im Land zu wenig praktische Erfahrungen in den Berufsalltag mitbringen. Dies erlebt auch Noureddine Yakoubi häufig. Seit 18 Jahren leitet er den tunesischen Standort des deutschen Familienunternehmens Marquardt, einem der weltweit führenden Hersteller von mechatronischen Schalt- und Bediensystemen. Yakoubi schildert, mit welchen Maßnahmen das Unternehmen der fehlenden Praxiserfahrung begegnet.

Praxiserfahrung ist das A und O

Herr Yakoubi, seit 2014 produziert Marquardt in einem eigenen Montagewerk in Tunesien. Finden Sie immer ausreichend gut ausgebildete Fachkräfte?

Marquardt GmbH Noureddine Yakoubi, Commercial Plant Manager, Marquardt GmbH

Wir beschäftigen in Tunis 1.750 Mitarbeitende. Auch wir sind damit konfrontiert, dass unsere Angestellten, wenn sie direkt von der Uni kommen, wenig praktische Erfahrung mitbringen. Ich selbst habe das in meinem Studium anders erlebt: Ich habe in Hannover Maschinenbau studiert, und eine praktische Komponente gehörte einfach dazu. Diese fehlt den tunesischen Fachkräften, wenn sie hier nach dem Studium mit der Arbeit beginnen.

Sie haben zusammen mit anderen Unternehmen auf diese Situation reagiert und eine Akademie gegründet, in der die praktische Ausbildung im Fokus steht. Wie kam es dazu?

Vor drei Jahren kam Entwicklungsminister Müller nach Tunesien und diskutierte mit Unternehmen, wie man in Afrika bessere Ausbildungen ermöglichen und so mehr Arbeitsplätze schaffen kann. Im Rahmen der Sonderinitiative Ausbildung und Beschäftigung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) haben wir zusammen mit den Automobilzulieferern DRÄXLMAIER Group und LEONI AG an einem Projektentwicklungsworkshop teilgenommen. Dabei erkannten wir die fehlende Praxisorientierung in der tunesischen Ausbildung als Dreh- und Angelpunkt.

Um hier gegenzusteuern, gründeten wir ein Konsortium und riefen im September 2019 die Tunisian Automotive Management Academy, kurz TAMA, ins Leben, an der inzwischen mit der Kromberg & Schubert GmbH ein weiterer Automobilzulieferer beteiligt ist. Hier orientierten wir uns beim der Ausgestalten der Lehrinhalte am deutschen dualen System und vermitteln neben den technischen Fähigkeiten auch Kompetenzen wie Effizienz und Zeitmanagement. Im Rahmen der Sonderinitiative Ausbildung und Beschäftigung, die unter der Marke Invest for Jobs auftritt, steuert die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH dieses Vorhaben. Know-how, Räumlichkeiten, Equipment und Lehrende kommen aus den vier privaten Unternehmen. Momentan schulen wir Lehrkräfte, die ab Ende 2020 in der Akademie unterrichten sollen. Bald profitieren wir alle von kompetenteren Fachkräften und letztlich zufriedeneren Kunden.

Wie läuft das Projekt bisher?

Die zukünftigen Lehrkräfte sind von den Kursen begeistert und wir nicht minder. Ein Grund dafür ist sicher die hervorragende Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Kooperation ist immer wichtig, in jedem Land und jedem Projekt, aber man muss sie überall neu definieren. Wir haben hier unsere eigene Dynamik gefunden, und diese würde ich als den wichtigsten Erfolgsfaktor beschreiben.

Wer wird von dem Projekt profitieren?

Die gut ausgebildeten Absolvierenden verteilen sich nicht nur auf die Konsortialpartner, sondern gehen auch in kleinere und mittelständische Unternehmen. Zudem werden die besser ausgebildeten Fachkräfte hoffentlich für deutsche Unternehmen ein Anreiz sein, in Tunesien zu investieren und Partnerschaften aufzubauen. Das wäre ein Win-Win-Szenario für alle! Langfristig sollen durch diese Qualifizierungsmaßnahmen 260 Ausbildungs- und 7.540 Arbeitsplätze geschaffen werden.


Logobanner Marquardt, Invest for Jobs, BMZ und GIZ Logobanner Marquardt, Invest for Jobs, BMZ und GIZ

Weiterführende Informationen

Das Interview fand im Rahmen des EZ-Scout Programms (seit 2021: Business Scouts for Development) im Mai 2020 statt.

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