Dina El-Fouly, Mitgründerin und CTO von Neqabty, während ihrer Keynote auf der Berlin Startup Week

Dina El-Fouly, die Mitgründerin und CTO von Neqabty, präsentiert eine Keynote während der Africa Connect Startup Week in Berlin.

Im Unterschied zu Deutschland, wo Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen über die Sozialversicherung abgewickelt werden, organisiert Ägypten diese Dienste durch Gewerkschaften. Neqabty, ein ägyptisches Fintech-Startup, hat eine Plattform zur Digitalisierung von Gewerkschaftsleistungen entwickelt. Die Mitbegründerin und Chief Technical Officer (CTO) von Neqabty, Dina El-Fouly, hat jedoch noch größere Pläne. 

Gewerkschaftsdienste im digitalen Wandel

Frau El-Fouly, Ihre Plattform bietet digitale Lösungen zur Verwaltung von Gewerkschaften in Ägypten an. Wie kam es zu dieser Geschäftsidee? 

Dina El-Fouly, die Mitgründerin und CTO von Neqabty Neqabty Dina El-Fouly, die Mitgründerin und CTO von Neqabty

Mein Geschäftspartner und ich haben uns bereits in unserer Studienabschlussarbeit mit der Digitalisierung von Gewerkschaften beschäftigt. An dieser Idee arbeiten wir nun schon seit 20 Jahren. Gewerkschaften spielen in der ägyptischen Gesellschaft eine sehr große Rolle. Sie erteilen nicht nur die erforderlichen Berufszulassungen, sondern ermöglichen ihren Mitgliedern auch den Zugang zu wichtigen Sozialleistungen wie etwa einer erschwinglichen Krankenversicherung. Die Digitalisierung birgt ein hohes Potenzial, um diese Gewerkschaften zu stärken und letztlich das Leben von Millionen Menschen zu verbessern.

Welche Rolle übernimmt Ihre Plattform dabei?

Digitale Transformation kann ein sehr schwieriges Thema sein – besonders für die ältere Generation, die manchmal noch skeptisch ist. Unsere Plattform ermöglicht den Gewerkschaften eine einfache Integration und Mitgliederregistrierung in nur zwei bis drei Wochen. Derzeit arbeiten wir mit sieben Gewerkschaften zusammen. Das bedeutet: Wir können über unsere Plattform bereits 2,5 Millionen Menschen erreichen.

Welche Möglichkeiten haben die Nutzer?

Gewerkschaftsmitglieder haben über unsere Plattform digitalen Zugang zu den Services der Gewerkschaft. Sie können zum Beispiel den Gewerkschaftsbeitrag online bezahlen oder Gesundheitsdienste in Anspruch nehmen. Anschließend rechnen wir die Beiträge mit der Gewerkschaft ab und erhalten eine Provision. Wir haben eine mobile und auch eine webbasierte Version entwickelt, um Menschen mit unterschiedlichen digitalen Kenntnissen anzusprechen. Unser Ziel ist eine Win-Win-Situation für alle: Gewerkschaften können ihre Mitglieder leichter an sich binden, die Mitglieder können einfacher auf Dienstleistungen der Gewerkschaft zugreifen und wir als Start-up profitieren davon, dass immer mehr Menschen unsere Plattform nutzen.

Das Startup Neqabty wird im Rahmen des Programmes Tech4Transition durch das Karlsruhe Institut für Technologie in Kooperation mit dem Gründungszentrum der Arab Academy gefördert. Das Programm wird durch die Agentur für Wirtschaft und Entwicklung im Auftrag des Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit  und Entwicklung finanziert. 

Potenzial für Digitalisierung in Nord- und Westafrika vielversprechend

Auf welchen Märkten sind Sie tätig? 

Derzeit sind wir auf dem ägyptischen Markt tätig und planen, unsere Präsenz dort zu erweitern. 

Haben Sie weitere Märkte im Visier? 

Tatsächlich überlegen wir, in nord- und westafrikanische Länder zu expandieren, da die Gewerkschaften dort ähnlich strukturiert sind wie in Ägypten und großes Potenzial für Digitalisierung besteht. Wir denken vor allem an Länder wie Ghana, Tunesien oder Nigeria und haben auch erste Kontakte dorthin geknüpft. Mit der ghanaischen Ingenieurs-Kammer haben wir bereits eine Absichtserklärung unterzeichnet. 

Könnte Ihre Plattform auch in einem anderen Kontext als dem der Gewerkschaften interessant sein?

Absolut, unsere Vision geht über die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften hinaus. Wir sind eine berufsbasierte Fintech-Plattform für verschiedene Gemeinschaften, sei es eine Gewerkschaft, eine NGO oder eine andere Art von Organisation. Schon bei der Entwicklung des Systems hatten wir eine breitere Vision. Unser Geschäftsmodell ist B2B2C. Das bedeutet, dass wir eine Plattform anbieten, auf der Menschen Fachwissen, Kenntnisse, Schulungen oder sogar Beschäftigungsmöglichkeiten auszutauschen können. 

Ägyptischer Start-up-Sektor gewinnt an Stärke und weckt Interesse bei Investoren

Welche Erfahrungen haben Sie im ägyptischen Start-up-Sektor gemacht?

Das Start-up-Ökosystem in Ägypten hat in den letzten Jahren erheblich an Stärke gewonnen. Institutionen und Behörden beginnen langsam, sich auf den Sektor einzustellen. Investoren sind offener geworden für die Zusammenarbeit mit Start-ups in der Frühphase, was in der Vergangenheit sehr schwierig war. Gleichzeitig profitiert das Ökosystem von den wachsenden Partnerschaften der Start-ups untereinander – das bereichert auch unsere Arbeit. So haben wir beispielsweise Lösungen anderer Start-ups wie E-Pharmacy-Dienste in unsere Plattform integriert. Der gesamte Sektor in Ägypten befindet sich im Wachstum und ist gerade sehr offen für internationale Partnerschaften, die uns auch dabei helfen können, neue Märkte zu erschließen.

Sehen Sie Potenzial für eine Zusammenarbeit auch mit deutschen Unternehmen?

Im November haben wir an der „Africa Connect Startup Week“ in Berlin teilgenommen. Dort haben wir gesehen, dass deutsche Unternehmen sehr an einer Zusammenarbeit mit internationalen Start-ups interessiert sind. Wir würden uns über Matchmaking-Möglichkeiten mit deutschen Unternehmen und Investoren freuen. 

In Deutschland müssen wir jedoch beachten, dass Gewerkschaften eine andere soziale Funktion haben. Im Unterschied zu Ägypten sind sie nicht für die Gesundheitsversorgung und weitere Sozialleistungen verantwortlich.

Welche Erfahrungen nehmen Sie von der Start-up-Woche in Berlin mit?

Die Veranstaltung war sehr erlebnisreich. Wir konnten Start-ups aus ganz vielen Bereichen kennenlernen. Obwohl wir aus unterschiedlichen Branchen und Kulturen kommen, teilen wir oft ähnliche Erfahrungen. Konkret hatten wir die Gelegenheit, unsere Ideen zu präsentieren, wofür wir auch hilfreiches Feedback erhielten. Es war sehr interessant, die Perspektiven von Referentinnen und Referenten aus renommierten Unternehmen und Institutionen zu hören. Wir haben auch mit Investoren über eine mögliche Investition in unser Start-up gesprochen. 

Was sind Ihre Ziele für das nächste Jahr? 

Wir haben einige Meilensteine, die wir bis Ende 2024 erreichen wollen. Wir wollen so viele Menschen wie möglich auf die Plattform bringen, insbesondere mit den Gewerkschaften, mit denen wir bereits zusammenarbeiten. Außerdem entwickeln wir derzeit eine Identifikations- und Zahlungskarte, welche die Gewerkschaften an ihre Mitglieder ausgeben können. Und wir wollen durch weitere Partnerschaften mehr Dienstleister auf unsere Plattform bringen. Unsere übergeordneten Ziele orientieren sich an den Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen, von denen wir sechs identifiziert haben, zu denen wir mit unseren Lösungen beitragen möchten. Und dazu kommt natürlich auch, dass wir auf der Suche nach Investoren sind!

Das Interview führte David Schöngarth, Business Scouts for Development von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ) im November 2023

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