Hafer zu Haferflocken zu verarbeiten ist in Äthiopien neu, der Markt groß. Welche Pläne die Jungunternehmerin hat und was zur Umsetzung fehlt. 

Haferflocken – dieses ziemlich „deutsche“ Nahrungsmittel wird seit 2016 auch in Äthiopien hergestellt. Von Alem Greiling, die mit ihrem deutschen Ehemann bereits eine Fabrik für die Ausweitung ihrer bisher sehr kleinen Produktion gebaut hat. Was der Fabrik noch fehlt, sind die Maschinen. Die 1 Million Euro, die eine komplette Linie in Deutschland kosten würde, bekommt Greilings Firma Nutri Dense nicht allein finanziert. Dabei finden ihre Haferflocken in Addis Abeba reißenden Absatz. Konkurrenz ist keine in Sicht und sogar die in Äthiopien meist heikle Rohstoffversorgung ließe sich künftig offenbar stemmen. 

Finanzierung ist die größte Hürde

Alem Greiling, Nutridense Food Manufacturing

Alem Greiling, Nutridense Food Manufacturing

Frau Greiling, wie produzieren Sie Ihre Haferflocken bisher?

Im Keller meines Hauses in Addis Abeba mit Mini-Maschinen, die ich aus Deutschland mitgebracht habe. Mit einem umgewandelten Obstentsafter dämpfe ich den Hafer, dann wird er mit einem Spezialgerät (Bio-Flockett) flockiert. Kaputt ging da bisher glücklicherweise noch nichts. Monatlich schaffe ich 400 Kilogramm Haferflocken, die ich dann in 500-Gramm-Beutel abpacke. Mit der neuen Fabrik würde ich 600 Kilo herstellen – am Tag. 

Nachfrage hätten Sie genug?

Das ist nun gar kein Problem. Ich verkaufe die Haferflocken ausschließlich in einer kleinen Ecke von Addis Abeba, an zwei, drei Supermärkte. Die reißen mir die Flocken praktisch aus den Händen. Woanders in der Stadt schaffe ich gar nicht hinzugehen, der Bedarf wäre riesig.

Wer kauft in Äthiopien Haferflocken?

Je etwa zur Hälfte Ausländer – gerade Deutsche freuen sich über das Angebot – und Äthiopier. Die Christen geben das gerne ihren Kindern, und Muslime machen daraus zum Beispiel während der Fastenzeit eine Suppe. 

Was kosten Ihre Haferflocken?

Ich verkaufe sie an die Supermärkte für 60 Birr pro 500-Gramm-Packung, das sind derzeit 1,50 Euro. Die Läden schlagen noch ihre Marge drauf, meine Flocken sind dann aber immer noch viel billiger als importierte Ware. Die verkauft sich hier nämlich für 150 Birr aufwärts, das Pfund kostet also mindestens 3,80 Euro. In Deutschland bekommt man Haferflocken ja schon für 50 Cent. 

Bei diesen hohen Preisen – haben Sie keine Konkurrenz?

Nein, ich bin die erste und einzige, die so etwas macht. Bisher kam noch nie jemand auf die Idee, aus diesem Hafer überhaupt etwas zu machen. Im Allgemeinen wird Hafer als Unkraut angesehen, das lediglich als Tierfutter geeignet ist. Wächst er zum Beispiel beim Weizen mit, wird er aussortiert und weggeworfen.

Woher bekommen Sie den Hafer?

Aus der Gegend von Debre Birhan 120 Kilometer nordöstlich von Addis Abeba. Dort, mitten im Hafer-Anbaugebiet, steht auch unser Fabrikgebäude. Der Boden dort ist relativ arm, außer Hafer wachsen noch Kartoffeln und seit Kurzem auch ein paar Karotten. Der Hafer gedeiht einfach so und ganz ohne Dünger. 

Beziehen Sie das Getreide direkt von den Bauern?

Der Hafer ist wirklich nicht sonderlich gut, ziemlich stark verunreinigt und voller Steinchen. Er geht zuerst an eine kleine Mühle im Ort, die ihn schält und von der ich ihn dann bekomme; ich bin ja noch nicht dort. Dem Müller gebe ich für den geschälten, aber immer noch stark verunreinigten Hafer etwa 1.800 Birr pro 100 Kilogramm, später kommen noch Transportkosten von 200 Birr dazu.

Und dann?

Ich bringe ihn zu sieben Frauen in Addis Abeba, die ihn in Heimarbeit säubern. Von den 100 Kilogramm ist danach noch etwas mehr als die Hälfte übrig. Ein großer Teil des Ausschusses ist ungeschälter Hafer, der zur Nachbehandlung an die Mühle zurückgeht. Die Frauen machen ihre Arbeit nebenher, wenn sie Zeit haben, zum Beispiel nach dem Nachmittagskaffee. Sie bekommen von mir einen Grundlohn von monatlich 1.000 Birr pro Person und weitere 300 Birr bei entsprechender Leistung (um die 1.000 Birr monatlich oder umgerechnet 25 Euro zahlen auch äthiopische Bekleidungsfabriken ihren Näherinnen für Vollzeitarbeit, Anm. der Redaktion). 

Bekommen Sie bei Ihrem Fabrikprojekt Unterstützung von den Behörden?

Das Industrieministerium findet mein Projekt „eine sehr gute Idee“ und will mir wirklich helfen. Geld dafür haben sie aber auch keins. Sie haben deswegen sicher schon ein halbes Dutzend Mal an die zuständige Bank geschrieben, aber da kommt nichts: Die Bürokratie, der Mangel an Devisen – die inzwischen bestimmt schon ein anderer bekommen hat, obwohl ich mit der Fabrik ja teure Importe ersetzen und eine einheimische Wertschöpfungskette unterstützen würde. Dass ich eine Frau bin, macht die Sache auch nicht einfacher. 

Würden Sie für Ihre Fabrik genügend Hafer in ausreichender Qualität bekommen?

Ganz sicher. Der Leiter der Agrar-Kooperative bei Debre Birhan garantiert mir die Versorgung, wenn ich die Bauern mit Saatgetreide und Ausbildung unterstütze. Und die Bauern sind glücklich, mit mir zusammenarbeiten zu können. Sie haben nun erstmals einen Käufer für ihren Hafer. Den haben sie bisher nur selbst gegessen oder an ihre Tiere verfüttert.

Wie unterstützen Sie das konkret?

Ich habe parallel zum Fabrikaufbau ein Partnerschaftsprogramm mit der staatlichen Agrarforschung, den Agrarbehörden und den Bauern gestartet, und bringe mit entsprechender Beratung eine verbesserte Sorte Hafer mit weit höheren Erträgen auf die Felder. Das ist die Vorbereitung zu einem Vertragsanbau. Vom staatlichen Ethiopian Institute of Agricultural Research konnte ich schon über eine Tonne hervorragendes Saatgut erwerben, das ich an die Bauern weitergegeben habe.

Das Interview fand im Juli 2020 statt.

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