Staumauer in einem künstlich angelegten See eines Wasserkraftwerkes in Namibia.

Wasserkraftwerk in Namibia

Mit rund 2,6 Mio. Einwohnern gehört Namibia zu den kleineren Volkswirtschaften im südlichen Afrika. Das Land ist vor allem als Rohstoffexporteur von Diamanten und Uran oder als Tourismusziel bekannt. Es bietet aber auch gute Rahmenbedingungen für den Ausbau weiterer Sektoren.

Pluspunkte sind die gefestigten demokratischen Strukturen, eine gute Logistik und großes Potenzial für den Ausbau von erneuerbaren Energien. So könnte Namibia zum Vorreiter bei der Produktion von grünem Wasserstoff werden. Für potenzielle Geschäftspartner aus Deutschland sind auch die Agrar- und Energiewirtschaft oder der Dienstleistungssektor interessant.

Christina Pfandl, Business Scout for Development bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, ist für viele Unternehmen aus Deutschland der erste Kontakt in Namibia. Sie vernetzt vor Ort deutsche, europäische und lokale Unternehmen mit dem Ziel, die nachhaltige Entwicklung der namibischen Wirtschaft zu stärken.

Frau Pfandl, Sie arbeiten an der Schnittstelle von Außenwirtschaftsförderung und Entwicklungszusammenarbeit. Welche gemeinsamen Ziele gibt es?

Portrait von Christina Pfandl, GIZ Christina Pflandl Christina Pfandl, GIZ

Außenwirtschaftsförderung und Entwicklungszusammenarbeit sind eng vernetzt, insbesondere in den über 35 Ländern weltweit, in denen wir als Business Scouts tätig sind. In Namibia gibt es eine enge Kooperation mit der AHK für das südliche Afrika in Johannesburg. Wir arbeiten Hand in Hand und schaffen gemeinsam Angebote.

Unser Ziel ist es, deutsche Unternehmen über Märkte, Marktchancen und Geschäftspotenziale in Namibia und im südlichen Afrika zu informieren und für ein Engagement zu gewinnen. Zum anderen wollen wir lokale Unternehmen mit Partnern aus Deutschland und Europa vernetzen und sie dabei unterstützen, neue Absatzmärkte und Geschäftspartner zu finden.

Mit unseren Angeboten wollen wir deutsche, europäische und lokale Unternehmen für Geschäftspartnerschaften zusammenbringen. Gleichzeitig ist es unser Anliegen, die Wirkungen dieser Kooperationen und die wirtschaftliche Entwicklung im Land im Auge zu behalten. Deshalb liegt bei uns in der Entwicklungszusammenarbeit der Fokus etwas stärker auf den lokalen Unternehmen als in der Außenwirtschaftsförderung. Aber auch deutsche Unternehmen profitieren von starken und verlässlichen Partnern vor Ort. Daher wollen wir diese Zusammenarbeit fördern und stärken.

Gutes lokales Wirtschaftsnetzwerk fördert Innovationen

Sie fördern in Namibia Kooperationen zwischen lokaler und europäischer Privatwirtschaft. Wie unterstützen Sie deutsche Unternehmen vor Ort?

Unternehmen können bereits "aus der Ferne" – telefonisch, per Mail oder LinkedIn – direkt mit mir Kontakt aufnehmen und sich informieren. Viele Kontakte ergeben sich auch über Veranstaltungen oder Webinare mit den IHKs in Deutschland oder anderen Partnern im Wirtschaftsnetzwerk, die dann an mich vermitteln. Vor Ort arbeite ich eng mit der AHK für das südliche Afrika oder auch der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft zusammen.

Deutsche Unternehmen unterstütze ich vor Ort, indem ich sie mit lokalen Partnern zusammenbringe, die für ihr jeweiliges Vorhaben hilfreich sein können. Wir leben hier in einem kleinen Land mit rund 2,6 Millionen Einwohnern. Das macht das Wirtschaftsnetzwerk überschaubar und wir können sehr zielgerichtet Kontakte anbahnen. Als Business Scout habe ich den Vorteil, direkt vor Ort in der Hauptstadt Windhoek zu sein. Dadurch bin ich nah an der Politik, mein Büro ist zum Beispiel in den Räumen des Ministeriums für Industrialisierung und Handel untergebracht. Gleichzeitig stehe ich in engem Kontakt mit namibischen Unternehmen und Verbänden und kann so gut Brücken schlagen. Ich kenne nicht jedes einzelne Unternehmen im Land, aber ich kann über meine Netzwerke gut auf andere Netzwerke zugreifen.

Zusätzlich unterstütze ich durch die Vernetzung in die GIZ hinein, beispielsweise für Projekte im Agrarsektor, oder zu Akteuren des lokalen öffentlichen Sektors. Das ist zum Beispiel das 2021 gegründete Namibia Investment Promotion and Development Board (NIPDB), das Ideen und Projekte mit ihrem Netzwerk unterstützt und Kontakte vermittelt. Daneben beraten wir Unternehmen zu Förder- oder Kooperationsmaßnahmen, die seitens der deutschen Entwicklungszusammenarbeit angeboten werden. Unser Ziel ist es, Ideen in Projekte zu verwandeln und vor Ort über die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft Wirkung zu erzielen.

Können Sie Beispiele für solche Kooperationen mit lokalen Geschäftspartnern nennen?

Wir haben ein brandenburgisches Technologieunternehmen beraten, das unter anderem Lösungen zur Wiederverwendung, zum Recycling und zur langfristigen Nutzung von Wasser entwickelt und gerne in Namibia aktiv werden wollte. In Namibia werden nachhaltige Lösungen in der Wasserwirtschaft dringend benötigt, weil Wasser generell sehr knapp ist. Es gab zunächst erste Gespräche vor Ort mit lokalen Unternehmen und NGOs aus der Wasserwirtschaft zur Klärung und Konkretisierung des Bedarfs. Dabei ging es vor allem darum, Potenziale an den Schnittstellen zwischen Landwirtschaft und Wasserversorgung auszuloten. Nun entwickelt das Unternehmen in Abstimmung mit den lokalen Partnern eine maßgeschneiderte technische Lösung für den namibischen Markt.

Generell bietet der Wassersektor gute Investitions- und Geschäftschancen für deutsche Unternehmen. Gefragt sind Anlagen für Versorgung, Wasser- und Abwasseraufbereitung oder Entsalzung.

Namibia ist grundsätzlich sehr offen gegenüber deutschen Geschäftspartnern, deutsche Technologien und Produkte aus allen Branchen sind bei lokalen Partnern sehr geschätzt.

Für einen Softwareproduzenten aus Deutschland haben wir den Kontakt zu einer der beiden lokalen Universitäten hergestellt. Er liefert nun auf Testbasis Software für die IT-Ausbildung und Qualifizierung von Fachkräften für Programmierung. Eine Telekommunikationsfirma aus Deutschland haben wir hier beim Aufbau einer lokalen Tochtergesellschaft unterstützt. Das Unternehmen konnte mit eigenen Fortbildungsangeboten vor Ort schnell Personal qualifizieren und plant bis Ende des Jahres rund 30 Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist sehr wichtig für ein Land wie Namibia mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Großes Potenzial für grünen Wasserstoff

Für welche weiteren Branchen sehen Sie Potenzial in Namibia?

Namibia will seine Abhängigkeiten als Rohstoffexporteuer, vor allem von Diamanten und Uran, verringern, die Wirtschaft diversifizieren und die lokale Industrie ausbauen. Dafür braucht es eine gute Energieversorgung.

Derzeit importiert das Land etwa 60 Prozent seines Strombedarfs aus Nachbarländern – vor allem aus Südafrika, wo Strom in Kohlekraftwerken produziert wird. Dabei hat Namibia gute Voraussetzungen, sich selbst über erneuerbare Quellen mit Energie zu versorgen. Mit 300 Sonnentagen pro Jahr bietet das Land optimale Bedingungen für Fotovoltaik, aber auch die Voraussetzungen für Windenergie sind gut. Das bietet ein großes Potenzial für deutsche Unternehmen, denn hier sind deutsche Technologien, Know-how-Transfer und Ausbildungen für die Energiegewinnung aus Sonne und Wind gefragt.

Eine wichtige Zukunftsbranche könnte die Produktion von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen sein - für den Eigenbedarf, aber auch für Märkte in Europa und weltweit. In Sachen Wasserstoff könnte Namibia eine Vorreiterrolle für Afrika und auf dem Weltmarkt einnehmen. Von Regierungsseite werden gerade die gesetzlichen Grundlagen für solche Investitionen geschaffen, um die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Investoren weiter zu verbessern. Auch Sonderwirtschaftszonen sollen noch in diesem Jahr verabschiedet werden.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist beim Aufbau einer deutsch-namibischen Wasserstoffpartnerschaft engagiert. Hier laufen bereits Vorbereitungen für erste Kooperationen zwischen lokalen und deutschen Unternehmen, die im Sommer starten könnten.

Nischenprodukte sind gefragt

Wie sieht es im Agrarsektor, im Tourismus und in weiteren Sektoren aus?

Die Agrar- und Fischereiwirtschaft ist eine sehr wichtige Branche. Auch hier will Namibia die Versorgung für das eigene Land verbessern, weil derzeit noch sehr viele Nahrungsmittel importiert werden. Andererseits werden auch Produkte für den Export angebaut, zum Beispiel Datteln, Trauben oder Heidelbeeren. Ein wichtiger Zweig in der Agrarwirtschaft sind Nischensektoren wie der Anbau natürlicher Ressourcen – etwa Moringa oder Jojoba-Öl für den wachsenden weltweiten Biokosmetik-Markt. Herausforderung für Produzenten ist es, in der gewünschten Quantität zu liefern und gleichzeitig eine Überernte zu vermeiden. Deshalb sind hier nachhaltige Kooperationen gefragt, von denen beide Geschäftspartner langfristig profitieren. Dazu gehört es auch, Qualität zu sichern und Zertifizierungsprozesse zu durchlaufen.

Ein weiteres großes Standbein der namibischen Wirtschaft ist der Tourismus. Auch hier gibt es Chancen für deutsche Unternehmen, wie in der Wasser- und Energieversorgung von Lodges oder in der Bauindustrie. Nicht im Tourismussektor aktiv, aber im Wohnungsbau, ist das deutsche Unternehmen Polycare, das seit 2019 in Namibia Geschäfte macht und sich von dort aus weitere Märkte im südlichen Afrika erschließt.

Daneben gibt es Chancen für deutsche Unternehmen im Gesundheitssektor, der in Namibia gut entwickelt ist. Hier ist zum Beispiel die Versorgung mit Intensivbetten so gut wie in keinem anderen afrikanischen Land. Der Markt ist zwar klein, aber auch hier gibt es Geschäftschancen, etwa für Medizintechnik-Produkte.

Wie ist Namibia in Sachen Start-ups und Digitalisierung aufgestellt?

Wir haben hier eine lebendige Start-up Szene für digitale Produkte, es hat sich viel entwickelt. Es gibt inzwischen ein namibisches Business Angels Netzwerk und das investierte Kapital ist stark angewachsen. Mit angeschoben haben diese Entwicklung auch Projekte aus der Entwicklungszusammenarbeit, etwa das BMZ-Projekt Start-Up Namibia. Zusammen mit Start-Up Namibia und Make-IT in Africa haben wir als Business Scouts in 20201 einen Investitionsguide herausgebracht, der Gründern einen besseren Zugang zu Geldern und Finanziers verschafft. Neu entstanden ist auch das Digitalzentrum Namibia, das speziell Start-ups im Digitalbereich unterstützen will. Das stößt auf große Resonanz bei den jungen Unternehmen Namibias.

Wir können uns hier in Namibia noch lange nicht mit den großen Start-up Hotspots in Nigeria oder Kenia messen, aber wir haben hier großes Potenzial, uns zu einem weiteren digitalen Zentrum im südlichen Afrika zu entwickeln.

Deutsche Produkte sind in Namibia geschätzt

Welche Standortfaktoren sind für deutsche Unternehmen relevant?

Viele Unternehmen, die sich hier engagieren, schätzen die gute internationale Verkehrsanbindung. Es gibt täglich mindestens einen Direktflug von Frankfurt nach Windhoek. Es gibt auch keine Zeitverschiebung – das sind günstige Rahmenbedingungen, beispielsweise für Call-Center oder andere Dienstleistungen. Außerdem gibt es den Tiefseehafen in Walvis Bay, ein wichtiger Umschlagplatz für das ganze südliche Afrika. Und viele Unternehmen schätzen, dass in den lokalen Firmen teilweise deutsch gesprochen wird, das ist ein Relikt aus der kolonialen Vergangenheit Namibias.

Welche Tipps haben Sie für deutsche Unternehmen, die in Namibia Geschäftsbeziehungen aufbauen wollen?

Sie sollten so viele Informationen wie möglich sammeln und sich gut vernetzen. Diese Vorbereitungen lassen sich bereits aus der Ferne treffen. Eine Geschäftsidee zum Abschluss zu bringen und umzusetzen, funktioniert aber nur mit persönlichen Kontakten vor Ort. Generell sind Produkte und Dienstleistungen aus Deutschland sehr gefragt. Ihre Qualität und die entsprechenden Serviceleistungen werden in allen Branchen geschätzt.

Insgesamt würde ich Unternehmen darin bestärken, nicht nur auf die großen Märkte, sondern auch auf die kleinen "Diamanten" wie Namibia zu schauen. Wer sich mit seinen Angeboten abseits ausgetretener Pfade bewegt, kann mit einer guten Geschäftsidee als Vorreiter in Namibia mit dabei sein und von hier aus die Region erschließen.

Das Interview führte Sabine Huth von Germany Trade & Invest im Mai 2022. 


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