Afrika, Viehzucht

Afrika, Viehzucht

Der Start in Äthiopien war zwar holprig. Dennoch hofft Balaton Agro Investment auf eine erfolgreiche Milchproduktion nach deutschem Vorbild. Chancen und Herausforderungen bei der Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln in Äthiopien bündeln sich wie in einem Brennglas beim Projekt der Balaton Agro Investment plc. Die Tochter der Investmentgesellschaft Deutsche Balaton AG finanziert den Aufbau einer Milchfarm in Äthiopien. Das Unternehmen ist seit 2013 im Land aktiv und will die Milch dort auch selbst verarbeiten. Sämtliche Maschinen bis hin zu den T-Trägern für den Stall wurden aus Europa importiert. 200 Milchkühe und 100 Kälber stehen derzeit auf der Farm bei Welkite, 150 Kilometer oder vier Fahrstunden südwestlich von Addis Abeba. 

Der Start des Projekts an einem ersten Standort in Debre Markos, gut sechs Stunden nordwestlich der Hauptstadt, war holprig. Auch heute läuft die Sache etwas zäh für den Geschmack von Hansjörg Plaggemars, der das Vorhaben von Heidelberg aus steuert. Abgesehen von einem geringen Verkauf ab Hof wird bisher keine Milch abgesetzt. Diese wird vielmehr für die Fütterung des eigenen Nachwuchses benötigt. 

Die Milchleistung pro Kuh liegt bei gerade einmal drei Litern am Tag. Das ist zwar doppelt so viel wie im äthiopischen Durchschnitt, aber immer noch definitiv zu wenig für den 2x10-Melkstand im modern anmutenden Laufstall. Und nur ein Bruchteil der über 20 Liter, die eine Hochleistungskuh der Rasse Simmental in Deutschland bringt. Dabei wäre eine solche Leistung auch in Äthiopien machbar. Jedenfalls reklamiert dies die niederländisch geführte Alfa Farm, der wohl größte Milchbetrieb in Äthiopien, für sich. Nun steht die Balaton-Farm nach vier Jahren Erfahrung in Welkite, wohin man unter anderem wegen der besseren Verfügbarkeit von Flächen zog, vor einem neuerlichen Start.

Milchleistung auf europäischem Niveau ist das Ziel

Hansjörg Plaggemars, Vorstand Balaton Agro Invest AG Balaton Agro Invest AG Hansjörg Plaggemars, Balaton Agro Invest AG

Herr Plaggemars, Sie arbeiten für eine gewinnorientierte Investmentgesellschaft – machen Sie weiter in Äthiopien?

Ja, wir fangen demnächst mit einer halbierten Anzahl von Kühen quasi neu an. Mit all den bereits gemachten Erfahrungen dürfte der Betrieb in spätestens fünf Jahren gut laufen. Und die Erlöse wollen wir später auf jeden Fall reinvestieren und 500 oder sogar 1.000 Kühe halten. Platz ist da. Bei der angestrebten Milchleistung würden wir mindestens 10.000 Liter am Tag erzeugen. Wir denken dann auch an eine eigene Herstellung etwa von Joghurt, mit einer weiteren Investition von 2 bis 3 Millionen Euro. 

Woran klemmt es bei Ihrem Betrieb am meisten?

Am Futter. Die Kühe bekommen einfach nicht so viel und nicht das zu fressen, was sie für eine ordentliche Milchleistung bräuchten. Wir bewirtschaften selbst 140 Hektar, was für 300 Kühe nicht reicht – in Äthiopien kann man mit einem Flächenbedarf von einem Hektar pro Kuh rechnen. Zudem lässt sich nur ein Teil des Geländes nutzen. 60 Hektar sind zu steil oder der Boden ist nicht gut genug.

Können Sie kein Futter zukaufen?

Doch, aber das Heu einheimischer Lieferanten ist nicht gut, zudem ist es teuer und wird nicht konsistent geliefert. Im Kraftfutter wiederum ist nicht das drin, was auf der Verpackung steht. Künftig werden wir aber, mit entsprechend mehr Fläche, alles Futter selber herstellen: Auf zwei Dritteln der Fläche bauen wir Gras, Luzerne und anderes Grünfutter an, das wir zu Heu und später auch zu Silage verarbeiten werden. Der Rest entfällt vor allem auf Mais. Dadurch werden wir dem Vieh dann auch Kraft- und Ergänzungsfutter geben können. Damit glauben wir wirklich an eine Milchleistung auf internationalem Niveau heranzukommen.

Wie sieht es aus mit der Ausbildung Ihrer Leute?

Es ist praktisch unmöglich, gut ausgebildete Leute zu finden. Wir müssen deshalb selber ausbilden. Leider konnten unsere Angestellten aus dem ersten Betrieb in Debre Markos nicht so weit hierher umziehen, das ist ja eine Tagesreise. Wir mussten mit der Ausbildung also praktisch wieder von vorne anfangen. Es gibt in Äthiopien eigentlich genügend Institute und Universitäten mit landwirtschaftlichen Ausbildungsgängen, aber häufig lernen Absolventen hier noch nicht einmal, wie man einen Traktor fährt. Ein Tierarzt in Äthiopien hat üblicherweise auch wenig Erfahrung damit, eine Kuh zu nähen.

Arbeiten auch Nicht-Äthiopier auf Ihrem Hof?

Ja, das geht bisher nicht anders. Es ist sehr schwierig, Fachpersonal aus Deutschland für einen längeren Aufenthalt in Äthiopien zu gewinnen. Längerfristig wollen wir aber primär mit lokalem, äthiopischem Personal zusammenarbeiten. 

Wo haben Sie Ihre Kühe her?

Die haben wir aus Bayern importiert, Simmentaler Fleckvieh. Das eignet sich sowohl für die Fleisch- als auch für die Milchproduktion. Wir ziehen die Kälber selber nach, mit Holstein-Friesian-Samen, den wir in Äthiopien bekommen haben. Die jüngeren Kühe sind deshalb auch nicht mehr rötlich, sondern eher schwarz. 

Vertragen die europäischen Kühe die Umgebung?

Die Farm liegt auf 2.000 Metern Höhe und bietet ein angenehmes Klima auch für Milchkühe. Auch deshalb halten wir eine Milchleistung auf europäischem Niveau für möglich. In der mittlerweile zweiten Generation hat sich die Herde gut an die Umgebung angepasst. Inzwischen haben wir die gesundheitlichen Probleme gut im Griff, die in den ersten Jahren aufgetreten waren. Ein Hauptgrund für Krankheiten war die unzureichende Stalleinrichtung am alten Standort in Debre Markos gewesen. 

Welche Erfahrungen machen Sie mit der Bürokratie in Äthiopien?

Seit einem Dreivierteljahr arbeiten wir daran, unsere Investorenlizenz in eine Geschäftslizenz umzuwandeln. Ohne dieses Papier dürfen wir hier keine Tiere und auch keine Milch verkaufen. Ein Jahr dauert es jetzt schon, einen Importcontainer mit einem Güllewagen und anderem Gerät aus Deutschland aus dem Zoll herauszubekommen. Auch das hindert uns bisher daran, einen normalen Geschäftsbetrieb aufzunehmen. 

Nachfrage für Ihre Milch wäre vorhanden?

Das ist gar kein Problem. Äthiopiens größte Molkerei Lame Dairy aus Addis Abeba würde täglich die vier oder fünf Stunden Anfahrt auf sich nehmen, kleinere Mengen könnten auch wir sogar gekühlt hinbringen. Wir besitzen drei Tanks mit insgesamt 7.500 Liter Fassungsvermögen.

Weitere Informationen

Das Interview führte Ulrich Binkert von Germany Trade & Invest im Juli 2020. 

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