Service navi

Das italienische Unternehmen Airone gilt mit seiner Thunfischverarbeitung im Hafen von Abidjan als größte italienische Investition in Côte d'Ivoire. Die über 1.500 Mitarbeiter produzieren vor allem Konserven und schafften 2020 so einen Umsatz von 71 Millionen Euro. Weitere 25 Angestellte in der italienischen Emilia-Romagna kümmern sich um Qualitätskontrolle, Finanzen und Marketing.

Geschäftsführer Sergio Tommasini verbringt den größeren Teil seiner Zeit in Abidjan. Er ist erst seit Juni 2020 bei Airone, hat es in Côte d'Ivoire aber schon zum Dorfchef gebracht. Im Videochat aus Abidjan schildert er, wie es dazu kam, warum seine Angestellten der Firma die Treue halten und dass nur ein kleiner Teil des Fischs aus dem Meer vor Afrika auf dem Kontinent verarbeitet wird.

Know-how auch für deutsche Firmen

Herr Tommasini, Sie heißen seit Kurzem auch Nanan Adingra III?

Airone Geschäftsführer Sergio Tommasini

Airone Geschäftsführer Sergio Tommasini

Ja, ich wurde zum Kotobi ernannt, Chef eines Dorfs 300 Kilometer von Abidjan. Die Bewohner wollten sich erkenntlich zeigen dafür, dass wir die nahegelegene Krankenstation unterstützen. Airone wiederum möchte den Menschen etwas zurückgeben – wir starteten unser Unternehmen 1994 mit dem Betrieb in Abidjan und haben dem Land viel zu verdanken. Unsere Verbundenheit mit den Menschen, in diesem Falle mit diesem Dorf, stärkt aber auch unser Netzwerk hier.

Netzwerken ist ein wesentlicher Grund für Ihren Geschäftserfolg?

Côte d'Ivoire ist eigentlich kein direkt schwieriges Land für Geschäfte. Um hier aber Dinge bewegen zu können, muss man die richtigen Leute kennen und bei denen auch anerkannt sein. Für uns ist es sehr hilfreich, dass wir als lang etabliertes und sozial engagiertes Unternehmen einfach „dazugehören“. Unser Rat ist gefragt, wir werden zu vielen Events eingeladen oder erhalten eben auch mal die Würde eines Dorfchefs.

Sie brauchen da also keine Unterstützung, etwa durch französische Partner?

Nein. Wir sind aber gerne bereit, unsere Verbindungen und unser Know-how Firmen zum Beispiel aus Europa zur Verfügung zu stellen, auch solchen aus Deutschland. Hilfreich sind da auch die Verbindungen zu anderen italienischen Firmen in Afrika, die ich als Direktoriumsmitglied von Assafrica habe, der Afrika- und Nahostabteilung des italienischen Industrieverbands Confindustria.

Was ist bei den Beziehungen zu Ihren Beschäftigten besonders wichtig?

Wir halten namentlich die Stammeszugehörigkeit unserer Leute im Auge. Wir sorgen zum Beispiel dafür, dass von zehn Leuten an einer Maschine alle aus derselben Volksgruppe kommen. Oder zumindest solchen Ethnien angehören, die gut miteinander können. In Côte d'Ivoire gibt es, je nach Definition, knapp zehn maßgebliche Stämme, jeder mit seiner eigenen Sprache und mit einigem Konfliktpotenzial. In unserem Betrieb haben wir 18 gewerkschaftsähnliche Gruppierungen, die sich untereinander weitgehend nach Stammeszugehörigkeit abgrenzen.

Das mit den Volksgruppen hört sich kompliziert an, wie managen Sie das?

Wir verlassen uns da auf unsere langjährige Personalchefin. Sie kann die Leute einordnen und managt das exzellent. Eine Ivorerin übrigens, die in Frankreich ausgebildet wurde und dort eine Weile gearbeitet hat. Wie auch unser Produktionsmanager. Im Prinzip haben fast alle Ivorer in den wichtigeren Positionen solche Auslandserfahrungen.

Nur zwei Italiener im Betrieb

Sie arbeiten hier ohne weitere Expats?

Der Produktionsleiter Pietro Serra aus Sardinien und ich sind die einzigen Ausländer im Betrieb. Dabei spielt es für unser Unternehmen keine Rolle, woher ein Mitarbeiter stammt und ob er in Italien oder Côte d'Ivoire arbeitet. Wir sind ein Team. Und das ist der wichtigste Faktor für unseren Erfolg.

Wie schaffen Sie ein gutes Team?

Es ist mehr als das gemeinsame Weihnachtsfest, das wir letztes Jahr – zum ersten Mal – im Betrieb gefeiert haben. Die Leute hier spüren, dass wir allen Mitarbeitern den gleichen Respekt entgegenbringen. Wichtig ist dabei ein reger personeller Austausch zwischen Côte d'Ivoire und Italien, auch wenn das wegen Corona derzeit schwierig ist. Etwa alle zwei Monate ist jemand aus Italien hier. Da tauschen sich dann zum Beispiel zwei italienische Qualitätskontrolleure zwei Wochen lang mit ihren ivorischen Kollegen der gleichen Abteilung aus.

Ist das nicht ziemlich teuer?

So darf man nicht denken. Für uns ist das eine Investition, eben auch ins Teambuilding. Wir schicken ivorische Angestellte außerdem zu Lehrgängen oder Kursen nach Italien, so wie unsere italienischen Mitarbeiter auch. Auch wenn das mal 4.000 Euro kostet. Trotzdem wandern die so geschulten Mitarbeiter nicht zur Konkurrenz ab, wenn diese ein paar Euro mehr zahlt – weil sie weiter zu diesem Team gehören wollen. Jenseits der - bis zu 300 - Saisonarbeiter haben wir hier eine sehr geringe Fluktuation.

Konserven als Haupterzeugnis

Zu Ihrem Geschäft: Was produzieren Sie genau?

Bei einer Kapazität von 25.000 Tonnen rohem Thunfisch – davon bestehen 60 Prozent aus Kopf, Innereien und anderem Abfall - stellen wir jährlich 120 Millionen Produkt-Einheiten her. Etwa 80 Prozent davon sind Konserven: 70 Prozent Dosen, 10 Prozent Gläser. Wir vermarkten auch die Rückenstücke, als 7,5-Kilo-Filetpackung.

Fangen Sie den Fisch selbst?

Nein, wir haben keine eigenen Schiffe. Die wichtigsten Lieferanten sind europäische, asiatische und auch ghanaische Trawler, die im Golf von Guinea kreuzen. Diese Schiffe sind 60 bis 80 Tage am Stück auf See und lagern den gefangenen Fisch in bordeigenen Kühlkammern bei minus 20 Grad. Zweimal monatlich gibt es im Hafen Abidjan Anlandetermine, bei denen sich Kunden wie wir den Fisch in einer Art Auktion beschaffen.

Kleine Fischer kommen in diesem Geschäftsmodell nicht vor?

Doch, etwa ein Zehntel unserer Ware bekommen wir von einer Genossenschaft mit 200 Fischern. Wir wollen diesen Anteil erhöhen und haben dafür kürzlich einen Vertrag mit der Genossenschaft abgeschlossen, auch um die Lebensgrundlage dieser kleinen Fischer zu stärken. Das ist übrigens ein ganz anderes Geschäft. Die Fischer fahren jede Nacht aufs Meer und bringen uns dann gegen 10 oder 11 Uhr vormittags frische Ware. Die geht sofort in den Produktionsprozess, wodurch wir die Qualität auf einem viel höheren Niveau halten können. 

Airone verarbeitet den Fisch in Côte d'Ivoire – die anderen meist nicht

Der im Golf von Guinea gefangene Fisch wird größtenteils in Afrika verarbeitet?

Im Gegenteil. Den Hafen Abidjan, Westafrikas größter, passieren jährlich etwa 300.000 Tonnen Thunfisch. Rund ein Zehntel davon geht in den lokalen Markt; dabei handelt es sich um kleinere, 50 bis 80 Zentimeter lange Fische. Eine industrielle Verarbeitung in Côte d'Ivoire tätigen jedoch nur wir und eine etwa gleich große libanesische Firma. Mit unseren zusammen gut 50.000 Tonnen Kapazität verwerten wir damit weniger als ein Fünftel der Rohware vor Ort. Im Ergebnis werden rund drei Viertel des Thunfischs anderswo weiterverarbeitet, in Ländern wie Spanien, Südkorea oder Peru.

Die meist großen, bis zu 100 Meter langen Trawler kommen nur zum Tanken und für andere Dienstleistungen kurz in den Hafen. Dann fahren sie weiter nach Hause, wo die gesamte Wertschöpfung erfolgt. Dabei ist es meist eine einzige Firma, welche die gesamte Kette abdeckt: Sie fängt den Fisch mit eigenen Schiffen und verarbeitet sowie vermarktet ihn dann auch selbst.

Mit Ihrer Produktion in Côte d'Ivoire sind Sie also eher eine Ausnahme?

Ja, das ist der Hauptgrund für unsere Wertschätzung durch Bevölkerung und Behörden. Von einem Arbeitsplatz bei uns – 80 Prozent unserer Belegschaft sind übriges Frauen - hängen schließlich sechs Personen ab. Außerdem beschaffen wir gut die Hälfte der Vorprodukte im Land; ein Teil der Dosen kommt aus Italien. Zölle oder Steuern müssen wir nicht bezahlen: Wir sind in einer Freizone angesiedelt, von wo wir auch die meisten Vorprodukte beziehen.

Strom und Kühlung sind kein Thema

Hat Ihr Betrieb Probleme mit dem Strom oder der Kühlkette?

Nein. Côte d'Ivoire hat eine relativ gute Stromversorgung, gelegentliche Ausfälle beschränken sich auf vielleicht eine Stunde. Wir haben auf unserem Gelände trotzdem einen eigenen Generator samt Treibstoffvorrat, mit dem wir den Betrieb eine Woche lang laufen lassen könnten. Unser Minus-20-Grad-Kühlhaus fasst 10.000 Tonnen Fisch, also 40 Prozent unserer Jahreskapazität. Zudem sind die Wege kurz: Wir holen den Thunfisch in großen, gefrorenen Stücken mit unseren Lkw im Hafen ab und verarbeiten ihn gleich nebenan in unserem Betrieb.

Wo sind Ihre Zielmärkte?

Etwa 90 Prozent gelangen nach Europa. Dies ist auch die Exportquote, die uns die Freizone vorschreibt. Hauptkunden sind große europäische Supermarktketten, auch in Deutschland. Auf die Handelsmarken dieser Ketten entfällt etwa die Hälfte unseres gesamten Umsatzes. Covid hat unsere Einzelhandelsschiene im letzten Jahr eher befeuert, während der Absatz über Restaurants zurückging.

Die restlichen 10 Prozent verkaufen Sie in Côte d'Ivoire?

Ja, inklusive der angrenzenden Staaten, hauptsächlich Mali und Burkina Faso. Für diese Länder haben wir übrigens eine eigene Marke geschaffen. Dieses Erzeugnis ist qualitativ deutlich besser als der Fisch, der in den Märkten zuvor verfügbar war.

Konkurrieren Sie mit dem anderen industriellen Fischverarbeiter im Hafen von Abidjan?

Nein, wir haben unterschiedliche Märkte. Unser Nachbar verarbeitet 50 bis 60 Kilogramm schwere Thunfische für Kunden in Asien, während unsere Fische für Europa 5 bis 10 Kilogramm schwer sind. Außerdem kennen sich unsere Unternehmen seit langem, und wir haben eine ähnliche Geschichte in Côte d'Ivoire.

Keine deutsche Technik gefragt

Von Ihrer Technik, kommt da auch etwas aus Deutschland?

Kaum. Unsere Maschinen sind durchweg spanische und italienische Marken, und das wird voraussichtlich auch so bleiben. Dieses Jahr planen wir Investitionen von rund 1,5 Millionen Euro, unter anderem in neue Dosen-Abfüllanlagen und in die Logistik.

Das Interview fand im März 2021 statt.

Weitere Informationen