Tunesiens Wirtschaft ist stark auf Europa ausgerichtet. Viele europäische, auch deutsche Unternehmen produzieren hier. Dadurch ist die Industrie relativ diversifiziert.

Auch angesichts der Coronakrise könnte für den etablierten Standort Tunesien Near-Shoring zunehmend ein Thema werden. Neben der geographischen Nähe zu Europa sind das hohe Bildungsniveau, wettbewerbsfähige Löhne, eine im regionalen Kontext gute Infrastruktur und Institutionalisierung Pluspunkte des Landes. Mittelfristig hat Tunesien Absatzmärkte auf dem afrikanischen Kontinent im Visier.

Hinweis

Informationen zu aktuellen Entwicklungen in Tunesien und zu den Auswirkungen der Coronapandemie auf Tunesiens Wirtschaft finden Sie bei Germany Trade & Invest.


Das Länderprofil wurde zuletzt im Juni 2021 aktualisiert.

Daten und Fakten Tunesien

Expertenstimme

Afrika-Experte Peter Schmitz

Afrika-Experte Peter Schmitz

Deutsche Unternehmen sind seit langem in Tunesien aktiv und blieben auch in turbulenten Zeiten vor Ort. Dadurch genießen sie hohes Ansehen und Vertrauen. Bei Themen wie Energie, Umweltschutz, Arbeitsmarkt, Finanzierung, Digitalisierung oder Bürokratie gibt es Reform- und Handlungsbedarf. Das bringt Herausforderungen, aber auch Chancen. Weiterhin bietet Tunesien interessante Möglichkeiten, IT-Dienstleistungen und Industrieproduktion aus Asien in das EU-Umfeld zurück zu verlagern.

Peter Schmitz GTAI-Korrespondent für Tunesien

SWOT-Analyse

S

Strengths Stärken

  • Geografische Lage
  • Wettbewerbsfähiger Exportsektor
  • Viele Hochschulabsolventen, gerade in MINT-Berufen
  • Im Vergleich zu Europa niedrige Lohnkosten
  • Internationale Geber stützen Tunesien
W

Weaknesses Schwächen

  • Strukturelles Leistungsbilanzdefizit
  • Unberechenbare Bürokratie
  • Hohe Arbeitslosigkeit, führt zu Brain Drain
  • Starkes regionales Entwicklungsgefälle
  • Politische  Entscheidungen werden vertagt
O

Opportunities Chancen

  • Verlagerung von Produktion in EU-Peripherie
  • Höhere Wertschöpfung in Industrie, IKT und Tourismus
  • Potenzieller Hub für Subsahara-Afrika und Libyen
  • Gute Voraussetzungen für Produktion von grünem Wasserstoff

T

Threats Risiken


  • Soziale Spannungen 
  • Instabile Nachbarschaft (Algerien, Libyen)
  • Anhaltende Covid-19-Problematik führt zu Einbrüchen in Tourismus und Industrie

Potenzialbranchen

Chemie

Zu Beginn des Jahres 2020 lief die Produktion von Phosphat gut. Proteste in Form von Blockaden und der Baustopp einer neuen Anlage versetzen der Branche jedoch einen Dämpfer. Die Pharmaindustrie gilt weiterhin als Hoffnungsträger und bietet Exportchancen in afrikanische und arabische Länder.

Energiewirtschaft

Nach wie vor importiert Tunesien mehr als 50 Prozent seines Stroms. Der Anteil von Erneuerbaren am tunesischen Energiemix soll bis 2030 von 3 auf 30 Prozent steigen. Trotz der aktuell niedrigen Einkaufspreise für Energie, investiert das Land in eigene Kapazitäten, vor allem im Bereich Solar.

Gesundheitswirtschaft

Tunesien verfügt über ein flächendeckendes Gesundheitssystem, das zu den besten des afrikanischen Kontinents gehört. Reformbedarf besteht hinsichtlich der Ausstattung in öffentlichen Kliniken sowie der Arbeitsbedingungen des medizinischen Personals. Mit der Cité medicale de Kairouan entsteht auf 500 Hektar ein medizinisches Zentrum, das unter anderem eine Universität und einen Industriekomplex für Medizintechnik umfasst.

Landwirtschaft

Der Agrarsektor kam vergleichsweise gut durch das Corona-Jahr 2020. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, sind Investitionen in den kommenden Jahren existenziell, nicht nur in die Bewässerung, sondern auch im Transportsektor und in die Bereiche Lagerung, Verarbeitung und Verpackung.

Textil und Bekleidung

Nachdem es 2019 gute Aussichten für die Textilbranche gab, ist die Produktion im letzten Jahr um circa 20 Prozent zurückgegangen. Nach der Krise könnten einige Segmente profitieren, wenn Produktionen näher nach Europa verlagert werden sollten. Allerdings ist Tunesien stark von der Einfuhr von Vorprodukten abhängig.

Wasser und Umwelt

Im Bereich Abfall gibt es großes Potenzial, um Abfälle zur Energieerzeugung zu nutzen. Mehr als Zweidrittel der Abfälle ist organisch. Bei Plastik wird nur etwa vier Prozent recycelt.  

Im Bereich Wasser gibt es einen hohen Investitionsbedarf. Die KfW finanziert beispielsweise eine Meerwasserentsalzungsanlage oder neue Kläranlagen in Tunesien. In der Landwirtschaft fallen 80 Prozent des Wasserverbrauchs an. Weitere Informationen zur Wasserwirtschaft bietet die Publikation Neue Märkte - Neue Chancen - Wassersektor in der MENA-Region.

IT und Telekommunikation


Mit mehr als 100.000 Beschäftigten ist Tunesien ein etablierter IT-Standort. Zudem etabliert sich das Land als Start-up-Hub für die Region. E-Commerce und Digitalisierung profitieren auch in Pandemiezeiten. Wegen niedriger Gehälter wandern jährlich etwa 2.500 Informatiker ins Ausland ab.

Der Branchencheck-Tunesien enthält weitere Informationen zu den aktuellen Entwicklungen und Links zu ausführlichen Branchenberichten.

Marktzugang

Information

Tunesien ist eines von zwölf afrikanischen Ländern der G20-Initiative Compact with Africa (CwA). Ziel ist es, die Bedingungen für private Investitionen in den Teilnehmerländern zu verbessern.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Den Zugang zum tunesischen Markt regelt Artikel 4 des Investitionsgesetzes. Danach gilt der Grundsatz der Investitionsfreiheit. Ein Dekret der Regierung aus dem Jahr 2018 enthält das Kleingedruckte. Denn es bestimmt, welche Aktivitäten einer behördlichen Genehmigung bedürfen. Ebenso lässt sich der Liste entnehmen, wo Ausländer nur mit tunesischen Partnern oder gar nicht investieren dürfen. Wie in vielen arabischen Staaten auch steht der Handel ausländischen Investoren nur eingeschränkt zur Verfügung. Hier zieht das tunesische Recht eine Beteiligungsgrenze in Höhe von 50 Prozent.

Zoll- und Einfuhrregelungen

Bei der Einfuhr von Waren nach Tunesien sind eine Vielzahl von Vorschriften und Regelungen zu beachten. Die frühzeitige Information über Einfuhrverfahren, zu zahlende Abgaben und mögliche Verbote und Beschränkungen hilft, Verzögerungen an der Grenze und damit zusätzliche Kosten zu vermeiden.

Arbeitsmarkt und Löhne

In Tunesien variiert die Beschäftigungsquote je nach Region. Tendenziell ist die Lage an der Küste und im Norden des Landes besser, was auf die Tourismusbranche sowie die dort angesiedelte Industrie zurückzuführen ist. Bei der Vermittlung von Jobs spielen persönliche Kontakte eine größere Rolle als Personalagenturen. Arbeitslosigkeit betrifft vor allem junge Menschen, Akademiker und Frauen.

Aufgrund der relativ hohen Inflation müssen Gehälter fortwährend angepasst werden. 2018 und 2019 haben vor allem Beschäftigte aus dem öffentlichen Dienst für höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. 

Einen detaillierten Überblick über die Lage am Arbeitsmarkt, Löhne und den arbeitsrechtlichen Rahmen in Tunesien gibt die GTAI-Publikation Lohn- und Lohnnebenkosten Tunesien

Die Qualifizierung junger Fachkräfte, die sich am Bedarf der tunesischen Wirtschaft ausrichtet, ist eine der großen Herausforderungen des Landes. iMOVE: Training – Made in Germany bietet Informationen zum tunesischen Markt der Aus- und Weiterbildung und Chancen, die sich für deutsche Bildungsanbieter ergeben.

Entwicklungsprojekte und Ausschreibungen

In Tunesien sind eine Vielzahl bilateraler und multilateraler Geber aktiv. Die Weltbank, die Afrikanische Entwicklungsbank, Institutionen der Europäischen Union und andere stellen Finanzierung für Vorhaben der tunesischen Regierung bereit. Schwerpunkte der deutschen bilateralen Entwicklungszusammenarbeit sind nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, Verwaltungsreformen und Ressourcenschutz. Aus geberfinanzierten Vorhaben resultieren viele Aufträge, die ab gewissen Schwellenwerten international ausgeschrieben werden. Im Jahr 2018 waren dies in erster Linie Tender für den Einkauf von Consultingleistungen, gefolgt von den Themen Wasser und Abwasser sowie Anlagen- und Maschinenbau.

Einen Überblick über Geschäftschancen bei öffentlichen Aufträgen gibt Germany Trade & Invest (GTAI) im Bericht Entwicklungszusammenarbeit mit Tunesien. Bei GTAI finden Sie zudem aktuelle

Unterstützung beim Markteinstieg in Tunesien

Das Wirtschaftsnetzwerk Afrika, das BMWi-Markterschließungsprogramm und weitere Institutionen der Außenwirtschaftsförderung bieten verschiedene Maßnahmen in ausgewählten Branchen an, um deutschen Unternehmen die Erschließung des Zielmarktes Tunesien zu erleichtern.

Gesundheitswirtschaft

Tunesien gehört zu den Zielländern des Projektes "Gesundheitswirtschaft in Nordafrika" des Wirtschaftsnetzwerks Afrika.

Cover Marktstudie Gesundheitswirtschaft in Nordafrika Wirtschaftsnetzwerk Afrika Marktstudie Gesundheitswirtschaft in Nordafrika

Das Projekt umfasst verschiedene Module, u.a.

Das Kompetenzzentrum Gesundheitswirtschaft an der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer berät Unternehmen vor Ort und bietet Marktinformationen.

Wasser und Umwelt

Das BMWi-Markterschließungsprogramm hat 2019 eine Zielmarktanalyse zum Thema Wasser- und Abwasserwirtschaft in Tunesien veröffentlicht.

Ein ausführliches Länderprofil zur Kreislauf- und Wasserwirtschaft in Tunesien haben German Retech Partnership e.V. und German Water Partnership e.V. im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) 2020 erstellt.

Das Kompetenzzentrum Umwelt (Wasser, Abwasser, Abfall) an der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer berät Unternehmen vor Ort und bietet Marktinformationen.

Energiewirtschaft

Im Rahmen der Exportinitiative Energie des BMWi wurden verschiedene Zielmarktanalysen für Tunesien veröffentlicht: 

Das Kompetenzzentrum Energie / Erneuerbare Energien an der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer berät Unternehmen vor Ort und bietet Marktinformationen.

Tourismus

Das Kompetenzzentrum Tourismus an der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer berät Unternehmen vor Ort und bietet Marktinformationen.

Sicherheitstechnologie

Das BMWi-Markterschließungsprogramm hat 2019 eine Zielmarktanalyse zum Thema Sicherheitstechnologie in Tunesien veröffentlicht.

Erfahrungsberichte

Arztbesuch einer Familie in Tunesien

Lokal vernetzt: Handelsvertreter übernehmen Vertrieb in Tunesien

Das Unternehmen B. Braun aus Melsungen vertreibt in Nordafrika seit vielen Jahren Medizin– und Pharmaprodukte mithilfe eines Netzwerkes von lokalen Distributoren.

Ingenieure mit Tablet inspizieren Auto in Tunesien

Vom Hörsaal in die Arbeitswelt: Marquardt steigert Praxisbezug

Die TAMA Akademie rückt die praktische Ausbildung tunesischer Fachkräfte in den Fokus. Nach dem Vorbild des deutschen dualen Systems werden so neue Ausbildungsplätze geschaffen.

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