Was sind die Erfolgsfaktoren für ein unternehmerisches Engagement in Subsahara-Afrika? Welche Geschäftsmodelle sind bei der Dominanz Chinas auf dem Kontinent geeignet? Wie funktionieren Vertriebspartnerschaften zwischen deutschen, europäischen und afrikanischen Unternehmen? 

Eine Gruppe von Geschäftsleuten geht die Treppe in dem modernen Gebäude hinauf und unterhält sich.

Gruppe von Geschäftsleuten

Zu diesen Fragen forscht Professor von Carlowitz gemeinsam mit Simon Züfle im Rahmen eines Forschungsvorhabens des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) und der ESB Business School der Hochschule Reutlingen. Die Ergebnisse der Forschung sollen kleinen und mittleren Unternehmen Hinweise für das eigene Afrikageschäft bieten und zeigen, warum die deutsche Wirtschaft in Afrika unterrepräsentiert ist. Nachdem der Kieler Teil der Forschungsgruppe bereits im März über das Forschungsvorhaben berichtete hatte, ziehen die Tübinger Kollegen nun nach.  

Warum sollen sich deutsche Unternehmen überhaupt in Afrika engagieren?

Die Märkte auf dem Kontinent sind klein und herausfordernd, wachsen aber auch sehr schnell. Von den rund 850 in Afrika investierten, deutschen Unternehmen sind 75 Prozent in Nordafrika oder Südafrika aktiv. In den fast 50 restlichen Ländern sind also nur etwa 200 Unternehmen tätig. Die aktuellen globalen Entwicklungen zeigen jedoch, dass Unternehmen nicht nur auf die herkömmlichen Regionen schauen sollten. Es macht strategisch Sinn, weitere Standbeine in Zukunftsmärkten aufzubauen.

Wo liegt der Fokus ihrer Forschung?

Mit unserem Projekt "Doing Business in Africa" wollen wir erforschen, was für den Erfolg von Unternehmen in Afrika wichtig ist und was sie antreibt. Wir möchten verstehen, warum die Unternehmen in diese Länder gehen und welche Geschäftsmodelle sich besonders gut für die Rahmenbedingungen in Subsahara-Afrika eignen. Dabei schauen wir uns konkrete Geschäftsaktivitäten im Vertrieb oder in der Logistik ebenso an, wie strategische Überlegungen. In welchen Märkten lohnt sich der Markteintritt und wie passen afrikanische Märkte in die Unternehmensstrategie?

Damit können wir auch einen Beitrag zu der viel beschworenen "Partnerschaft auf Augenhöhe" leisten. In einer geschäftlichen Beziehung suchen in der Regel beide Seiten ihre Vorteile und sind voneinander abhängig. Ein Engagement der Privatwirtschaft ist damit auch ein Schlüssel für die Entwicklung dieser Länder.

Über das Forschungsprojekt

Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) und die ESB Business School der Hochschule Reutlingen analysieren seit Anfang des Jahres 2021 die Aktivitäten und Bedingungen deutscher Unternehmen auf dem afrikanischen Kontinent. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) sowie das Bundesministerium für Finanzen (BMF) fördern das "Cluster der wirtschaftswissenschaftlichen Afrikaforschung". Sie wollen damit mittelfristig die privatwirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Afrika stärken.

Was zeichnet ein erfolgreiches Afrikaengagement von Unternehmen aus?

Unternehmen müssen bereit sein, sich auf die Rahmenbedingungen des Marktes einzulassen - das heißt die Chancen, die Größe, die Dynamik und die Risiken. Dazu ist es in vielen Fällen notwendig, das Geschäftsmodell anzupassen. In aufstrebenden Märkten herrschen oft ähnliche Bedingungen und erfolgreiche Ansätze sind übertragbar und skalierbar. Das Mobilitätskonzept von VW in Ruanda oder der Drohnentransport von Zipline könnten auch in Lateinamerika oder Südasien funktionieren. 

Sie untersuchen aktuell Vertriebspartnerschaften?

Nach wie vor ist die gängigste Markteintrittsform eine Vertriebspartnerschaft mit einem lokalen Partner. Hierbei untersuchen wir, wie Unternehmen Vertriebspartnerschaften organisieren und was die Erfolgsfaktoren in Partnerschaften zwischen deutschen Herstellern und afrikanischen Distributoren sind. Das Vertrauen zwischen den Partnern ist meist die Basis für Erfolg und hat viele Einflussfaktoren. In der Untersuchung sprechen wir mit deutschen Firmen und deren afrikanischen Partnern.

Was hat sich in den vergangenen Jahren beim Thema Afrika verändert?

Grundsätzlich wird in den Medien und der Politik deutlich mehr darüber gesprochen und das Interesse ist gewachsen. Was aktuell noch weitgehend ausbleibt, sind breitenwirksame Aktivitäten der Privatwirtschaft. Die vielen Ideen und Initiativen sind begrüßenswert, müssen jedoch auch von den Unternehmen umgesetzt werden. Die Wirtschaft spielt beim Transfer von Wissen und Technologie eine zentrale Rolle, vor allem aber bei der Schaffung von Arbeitsplätzen. In deutschen Unternehmen gibt es zunehmend Mitarbeiter aus Afrika oder mit afrikanischen Wurzeln. Auch sie könnten ein Erfolgsfaktor im Afrikageschäft sein.

Welche Branchen und Themen stehen für Sie im Fokus? 

Wir haben zwar einen offenen Ansatz, konzentrieren uns aber auf das verarbeitende Gewerbe. Dabei untersuchen wir die wichtigsten operativen Aktivitäten von Unternehmen, wie Vertrieb, Logistik und Finanzierung. Aber auch übergreifende Themen wie Chancen und Risiken, die sich für Unternehmen aus Megatrends wie Urbanisierung und Klimawandel auf dem Kontinent ergeben, sind Teil unserer Untersuchung.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der Vergleich der Geschäftsaktivitäten anderer Länder auf dem Kontinent. Das Gleiche gilt für eine tiefgreifende Analyse afrikanischer Unternehmen und deren Erfolgsfaktoren. China dominiert seit Jahren in vielen Branchen auf dem Kontinent. Wir untersuchen, bei welchen Sektoren und Geschäftsaktivitäten es dennoch Potenziale für deutsche Partner gibt.

Was sind die nächsten Schritte Ihrer Afrikaforschung?

Die Ergebnisse unserer angewandten Forschung möchten wir in die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft transferieren. Dazu planen wir eine gemeinsame Buchveröffentlichung von Fachleuten aus der Wissenschaft und Praxis für Führungskräfte in Unternehmen. Daneben arbeiten wir an Publikationen zur Rolle Chinas und zu Vertriebspartnerschaften mit afrikanischen Partnern. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen ist uns enorm wichtig. Zukünftige Führungskräfte sollten sich frühzeitig mit Afrika und seinen Perspektiven beschäftigen. 

Eine unternehmensbezogene, angewandte Forschung gibt es bisher für Afrika nicht. Wir wünschen uns, dass es mit dem Forschungsprojekt und der hervorragenden Kooperation mit dem Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) auch über das Jahr 2022 hinaus weitergeht. Mittelfristig möchten wir die privatwirtschaftliche Perspektive auf die Länder Afrikas an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen als Forschungsschwerpunkt etablieren.

Zu den Personen

Dr. Philipp von Carlowitz und Dr. Simon Züfle stehen vor einer Afrikakarte privat

Der Reutlinger Professor Dr. Philipp von Carlowitz, lehrt und forscht an der ESB Business School seit Jahren zu Afrika. Gemeinsam mit Dr. (des.) Simon Züfle untersucht von Carlowitz, wie Unternehmen Chancen auf dem Kontinent besser nutzen können.

Bei seinem Forschungsansatz stellt von Carlowitz die privatwirtschaftliche Perspektive mit allen operativen Facetten in den Fokus.

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Das Interview führten Martin Kalhöfer und Michael Monnerjahn von Germany Trade & Invest im Februar 2022.