Näherinnen in einer Textilfabrik in Südafrika.

Näherinnen in einer Textilfabrik in Afrika (Symbolbild)

Shanghai Textile produziert seit 2017 Bekleidung in der äthiopischen Eastern Industry Zone. 2020, gerade zu Beginn der Pandemie, hat das Unternehmen der Stadtregierung Shanghai im benachbarten Industriepark Bole Lemi in nur zehn Monaten ein weiteres, deutlich größeres Werk errichtet. 5.000 Beschäftigte sollen dort einmal Sweater und andere Bekleidungsstücke nähen. Bereits heute produziert das Werk am Rand der Hauptstadt Addis Abeba Stoffe aus importiertem Garn. Bei einem Besuch gibt das chinesische Management Einblick in die neue Fabrik und beantwortet auch Fragen nach dem Geschäftsmodell des Unternehmens.

Transparenz bedeutet Kontrolle

Vielen Dank, dass Sie mir hier so bereitwillig Ihre Produktion zeigen.

Transparenz ist in diesem Geschäft der einzige Weg, um weiterzukommen. In anderen Fabriken unseres Unternehmens sitzen bereits Vertreter renommierter internationaler Markenartikler permanent im Werk. Sie verfolgen die Produktion quasi in Echtzeit. Auf ihren Bildschirmen kontrollieren sie wesentliche Indikatoren und sehen über Kameras die Belegschaft bei der Fertigung. Unsere großen Kunden haben ihre eigenen Zertifizierungen von Produkten und Produktionen und überwachen die auch sehr streng. Kunden und der ganze Markt wollen diese maximale Transparenz.

Auf das kommende Lieferkettengesetz in Europa sind Sie also schon eingestellt?

Natürlich. Wir sind hier nach den maßgeblichen Normen unserer Märkte zertifiziert: nach dem Worldwide Responsible Accredited Production (WRAP), speziell für Europa nach dem BSCI (Business Social Compliance Initiative) und außerdem nach dem SEDEX (Supplier Ethical Data Exchange). Diese Siegel bilden die Grundlage für Lieferungen an etwas kleinere Abnehmer, die, anders als die ganz Großen, keine eigenen Zertifizierungssysteme haben.

Wie erhalten Sie diese Siegel hier in Äthiopien?

Die Zertifizierungsgesellschaft SGS war erst letzte Woche wieder hier und hat ihre Arbeit abgeschlossen. Sie hat uns auf Herz und Nieren geprüft und zum Beispiel auch unsere Arbeiterinnen interviewt, ohne Beisein des Managements natürlich. Die Gesellschaft wird uns jedes Jahr überprüfen – mit Besuchen, die auch unangekündigt sein können. Die Arbeiterinnen müssen bei uns mindestens 18 Jahre alt sein, und wir kontrollieren jeden einzelnen Pass sehr streng.

Bekleidung bald auch für deutschen Discounter

An wen liefern Sie?

Unsere Ware geht vollständig in den Export. Zielländer sind bislang vor allem die USA und Italien, in ein paar Monaten kommt voraussichtlich auch ein großer deutscher Discounter dazu. Letztes Jahr lieferten wir aus dem Werk hier hauptsächlich nach Italien, an eine preiswerte Ladenkette dort. Sie akzeptierte auch die Zertifizierungen, die wir für unser erstes Werk im Eastern Park ja schon allesamt seit etlichen Jahren haben.

Wie ist der Stand im neuen Werk hier in Bole Lemi, das Sie gerade hochfahren?

Inzwischen ist eine der drei Hallen voll belegt, mit einer Auslastung von knapp einem Drittel und rund 1.500 Mitarbeiterinnen. Wir hoffen, dass wir ab dem Jahr 2024 einen positiven Cash-Flow verzeichnen können. Insgesamt haben wir hier in Bole Lemi rund 80 Millionen US-Dollar investiert, die Hälfte davon für Maschinen und die sehr langfristig vereinbarte Miete der Gebäude. Dabei handelt es sich übrigens durchweg um chinesische Marken, auch in der Textilabteilung. Die Waschmaschinen zum Beispiel sind von Kuiyin aus Shanghai, die Strickmaschinen von der Firma Cixing, die den Schweizer Hersteller Steiger übernommen hatte. Die sind jetzt super aufgestellt, mit Schweizer Technik und niedrigen Preisen. Lediglich ein Großteil der Nähmaschinen kommt vom japanischen Hersteller Juki.

Shanghai Textile produziert seit fünf Jahren in Äthiopien, wer hat da über die neue Investition in Bole Lemi entschieden?

Komplett die Konzernzentrale in Shanghai. Obwohl wir mit der ersten Fabrik im Eastern Park natürlich einen gewissen Erfahrungsschatz angesammelt haben. Das hängt aber mit unserem Geschäftsmodell hier in Äthiopien zusammen. Bei der Bekleidungsherstellung ist es reines CMT, mit relativ niedrigen Margen.

Was ist CMT?

Cut, make and trim. Wir produzieren hier gerade Sweater. Dazu schneiden (cut) wir den Stoff, fügen (make) seine einzelnen Bestandteile zusammen und stellen das Stück fertig durch Entfernen überstehender Fäden (trim). Wir kümmern uns hier nicht um den Schnitt der Kleider oder die Ausgestaltung von Stoffen, das gibt alles der Kunde vor. Unsere Bekleidung ist eher im unteren Preisbereich angesiedelt, üblicherweise mit einem relativ hohen Anteil von Acryl.

Aufträge kommen von der Zentrale aus China

Sie kümmern sich hier also gar nicht um das Kommerzielle?

Wir bekommen unsere Aufträge von der Zentrale in Shanghai oder einem Konzernbüro in Hongkong zugeteilt. Wir sind hier reiner Auftragsfertiger und schauen, dass die Produktion möglichst effizient läuft. Shanghai Textile betreibt weltweit rund 50 Fabriken, davon kaum noch welche in China. Dort sind die Lohnkosten inzwischen viel zu hoch und auch die Umweltvorschriften ziemlich streng. Unser Werk im Eastern Park war die erste Fabrik des Konzerns in Afrika.

Was verdienen eigentlich die Arbeiterinnen?

Die unterste Lohngruppe kommt im Schnitt auf monatlich knapp 60 US-Dollar – Essen, Transport und Leistungszulagen inklusive [Anmerkung der Redaktion: Vor drei Jahren zahlten vergleichbare Fabriken rund 30 US-Dollar]. Wie auch andere Firmen der Branche haben wir leider eine sehr hohe Fluktuation. Von den 1.500 Arbeiterinnen, die wir im letzten Monat eingestellt haben, ist vier Wochen später fast die Hälfte schon wieder weg. Wer aber nach dem Anlernen bleibt, mit diesen Leuten sind wir sehr zufrieden. Die Menschen hier lernen beeindruckend schnell.

Weiterführende Informationen

Das Interview führte Ulrich Binkert von Germany Trade & Invest im Mai 2022. 

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