Der Gesundheitsmarkt in Marokko ist noch ausbaufähig. Die Mittelschicht wächst langsam, und die Wirtschaft wird weitgehend vom unorganisierten Sektor getragen. Dadurch ist der Krankenversicherungsschutz noch nicht sehr verbreitet. Während der Versichertenanteil steigt, steht die Regierung zunehmend in der Pflicht, die gesundheitliche Grundversorgung zu verbessern.

 

Die Pharmaindustrie des Königsreichs blickt indes auf eine sich über 60 Jahre erstreckende Entwicklungsphase zurück. Ausländische Unternehmen nutzen das vorhandene Know-how und lassen neben Generika auch teilweise innovative Arzneimittel vor Ort in Lizenz produzieren. Kann sich Marokko als Hub für den afrikanischen Raum etablieren?

 

Interview mit Fritz Sacher, ehemaliger Leiter der Afrikastrategie von Merck, heute CEO von Pioneering Africa sowie Vorstandsmitglied der DAWA Group, Kenya

 

Wie entwickelt sich der Gesundheitsmarkt Marokkos?

 

Mit circa 35 Millionen Einwohnern, von denen offiziell 50 Prozent, tatsächlich aber nur 35 bis 40 Prozent in irgendeiner Weise Zugang zu einer staatlichen oder privaten Krankenversicherung haben, ist der nationale Markt in Marokko noch relativ klein. Das System ist noch weit von einer Universal Coverage entfernt. Algerien zum Vergleich hat bereits 100 und Tunesien 80 Prozent erreicht. Das liegt vor allem an der überschaubaren Mittelschicht und dem begrenzten offiziellen Arbeitsmarkt, die beide letztlich das System tragen.

 

Aber die Pharmaindustrie spielt doch eine aktive Rolle?

 

Ja, Marokko hat neben Generika bereits eine begrenzte Bedeutung für den Einsatz von innovativen Arzneimitteln. Die Rolle als Exporteur im Maghreb Raum ist jedoch beschränkt durch die Spannungen mit Algerien. Marokko produziert bereits seit über 60 Jahren Generika und Lizenzpräparate vor Ort und schützt den lokalen Markt. Dieser wird auch heute noch von fünf lokalen Familien dominiert, wobei der König erhebliche Anstrengungen übernimmt, dieses Oligopol aufzubrechen.

 

Schaffen es dann ausländische Unternehmen trotzdem in den Markt?

 

In Marokko können Sie heute als ausländischer Investor mit einer eigenen lokalen LE (GmbH) aktiv sein und genießen auch die Vorteile von lokalen Produzenten beim Zuschlag von staatlichen Tendern - zumindest laut Gesetz. Ohne gut vernetzten lokalen Partner werden Sie sich in Marokko allerdings auch heute noch sehr schwer tun. Das gängige Businessmodell ist weiterhin die Vermarktung von Arzneimitteln in Lizenz durch lokale Firmen, zumindest in einem Joint Venture.

 

Wie steht Marokko im regionalen Vergleich da?

 

Generell kann man sagen: Tunesien hat das beste Potenzial bei Arbeitskräften, Algerien die größte Kaufkraft und Marokko die beste Infrastruktur. Mit der Tanger Free Trade Zone mit bester Schiff- und Fluganbindung hat sich Marokko zum Produktions- und Handelshub nicht nur für das Französisch sprechende Afrika entwickelt, sondern auch für die anderen, an der westafrikanischen Küste liegenden Länder von Ghana, Nigeria bis zu Angola und Namibia.

 

Also kann sich Marokko als Handelszentrum etablieren?

 

Viele multinationale Firmen nutzen diesen Hub für ihre Versorgung des Raumes. Es werden hier nicht nur Generika produziert, sondern in Lizenz auch innovative Arzneimittel. Veterinärmedizinische Vakzine werden hier bereits e2e (Firma-zu-Firma) produziert, Insulin für den Humanmarkt zumindest abgefüllt.

 

Da die Kapazität von Human Resources und der Binnenmarkt begrenzt sind, bietet der Hub Marokko zwar Vorteile als Verteilerzentrum für Westafrika; als Produktionsstandort (aber) nur für die ärmeren und kleineren Länder, die nicht in der Lage sind selbst in diesen Sektor zu investieren.

 

Länder wie Senegal, Ghana, Nigeria oder sogar Angola wollen jedoch ebenfalls Hub für ihre jeweilige Region werden und investieren beziehungsweise schützen ihrerseits den Sektor vor Importen soweit lokale Produktionskapazitäten vorhanden sind. In Ghana gibt es 27 produzierende Pharmafirmen, in Nigeria sind es sogar 168.

 

 

Interview: Michael Sauermost, GTAI-Korrespondent in Casablanca (August 2019)

 

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